228 Es wohnet Lieb' bei Liebe.
hatte ſo oft und oft den ganzen Platz überblickt, daß ſie jeden Zweig kannte und jeden Buſch. Aber was ſie jetzt ſah, war weder das Eine, noch das Andere, und obſchon ſie bisher trotz aller Anſtrengung nicht eine Bewegung ent⸗ deckt hatte, konnte ſie es nur für einen dort weilenden, lauſchenden Menſchen halten. Hätte ſie nur gewußt, ob es Feind oder Freund! Die Freunde freilich ſollten jetzt anderwärts, auf den Wegen der Reiſenden ſtreifen, und die Feinde— hatten ſie Zeit zu ſolcher Muße? Oder ahnten ſie noch nichts von der Flucht? Oder beabſichtigten ſie gar etwas gegen das Schloß?—
Ich muß wiſſen, was das iſt, dachte ſie, und ſollt' ich allein hinaus! Und ſie glitt, mitten im Liede abbrechend, von der Fenſterbank herab— und ſtand plötzlich wie ge⸗ bannt. Denn jetzt regte ſich drüben etwas— die dunkle Geſtalt und auch noch etwas hinter derſelben im Buſch— und ſie hörte ein Flüſtern,— das waren nicht die Blätter, ſondern Menſchenlaute! Aber verſtehn konnte ſie nichts, und es war auch im Augenblick wieder ſtill, bis auf ein leiſes Rauſchen in den Zweigen. Und wie ſie ſchaute und lauſchte— es war nichts mehr zu ſehn, die dunkle Geſtalt war verſchwunden, und die Büſche ſtanden regungslos.——
Sie hatte recht geſehn und recht gehört. Zu dem, der dort an der Mauer lauſchte, war durch das Gebüſch ein Anderer heran geſchlichen und hatte ihm zugeraun't:„ Un⸗ ſinniger, was ſäumen Sie?“ Und ihn mit feſtem Griff in


