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ſagte ſie mit bebender Stimme und dennoch aus dem tiefſten Ernſt und der heißeſten Liebe ihres Herzens, „ſchau' in Dich ſelbſt, ſchau' auf uns und um Dich her— biſt Du auch in Dir ſelbſt, biſt Du für uns verloren? Und wenn noch ſo ſehr an uns geſündigt wird und wir dem Verbrechen unterliegen, bis in unſer Inneres reicht die Sünde nur mit unſerm eigenen Willen, unſer tiefſtes Selbſt kann auch durch das furcht⸗ barſte Verbrechen nicht berührt werden. Das mag betäubt werden und gebeugt für lange, lange Zeit— ſo, wie Du es erfahren mußteſt— aber gebrochen wird es nicht. Es kann, es ſoll, es muß ſich wie⸗ der faſſen, ſich in ſeiner Unverletztheit und Schuldloſigkeit wieder empfindenlernen, es muß ſich klarwerden, daßesnicht verloren, nein, daß es gerettet iſt. Das mußt Du begreifen, das mußt Du fühlen, das mußt Du wollen, Charlotte. Sei verloren in der Welt und für dieſelbe, in Dir ſelbſt
und für Dich ſelbſt, in Deiner Heimat, bei den Deinen
biſt Du gerettet— vor der Welt und ihrer Sünde.“ Charlotte erwiderte nichts. Sie ruhte ſtill am Herzen der Freundin und ihre Thränen floſſen unauf⸗ haltſam. Henriette ließ ſie gewähren. Es war ihr, als wiche mit dieſen Thränen der ſchwerſte Druck vom Herzen und das letzte Dunkel, die letzte finſtere Starr⸗ heit aus dem Haupt. Schon daß ſie dieſe finſterſten


