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gleichen kommt? Es blieb aber die volle Wahrheit: das ſtille, blaſſe Kind mit den unharmoniſchen Zügen wuchs ſich von Jahr zu Jahr immer wunderbarer heraus, wie es die Leute hießen, zu einer ſtets liebreizendern Menſchenknospe. Die Geſtalt fing an ſich leiſe zu runden, die Züge ſchloſſen ſich immer zarter und reiner an ein⸗ ander, und die Augen wurden täglich ſchöner und be⸗ deutender. Es waren nicht Viele, die ſie in ihrer ganzen Schönheit kannten, denn ſie blickten nur ſelten frei und in ihrer vollen Größe in die Welt hinaus. Wer das
aber einmal beobachtete oder ſelbſt einen ſolchen Blick
gewann, vergaß ihn nicht wieder. Es ſtand jetzt freilich feſt, daß dieſe Augen von einem tiefen, ſatten Blau waren, das faſt zur Veilchenfarbe wurde, und von den Nachbarn erinnerte der eine oder der andere ſich wohl, daß derälteſte Sohn des Organiſten, der ſeit Jahren verſchollene Sebaſtian, gauz die gleichen gehabt habe, nur daß der unbändige Burſche anders aus ihnen hervorblickte. Aber auch jetzt noch ſpielte in dieſen Sternen das Licht zu⸗ weilen wunderbar, und es kamen ſchon einmal Momente, wo man auch heute noch fragen konnte, wie vor dem Kinde: ſind ſie braun, ſind ſie blau oder ſind ſie grau?
Wieder ein paar Jahre ſpäter wurde die Aufmerk⸗
ſamkeit von neuem auf die Cantorei und ihre ſtillen


