9
Und endlich kam die Zeit, da ſie nicht länger nur an der Hand der Tante über den einſamen Platz, durch die dämmerige Gaſſe hinausgelangte, ſondern allein . davonſpazierte, im ſchlichten Kleidchen, den Schulranzen auf dem Rücken, morgens, wenn kaum der Tag graute,
und mittags bei Regen oder Sonnenſchein und nach⸗ mittags, wo es nicht ſelten ſchon wieder dämmerte und die Dohlen droben am Thurm ſich um ihr Nachtquartier zankten, durch Wind und Wetter, ohne Säumniß, wie es einem fleißigen Schulkinde gebührt.
Marie— denn ſo hieß ſie— war ein ſtilles und ernſtes Kind, laut wurde ſie niemals, und jubeln und jauchzen wie die Altersgenoſſen hörte ſie Niemand. Wie hätte es auch anders ſein ſollen? In ihrem Vaterhauſe gab' es keine lauten Töne, kein raſches, regſames, heiteres
Leben; der Dom, der Platz, die alten Häuſer waren ſtets gleich einſam und ſtill, und Spielgefährten fand ſie keine. Wie es ſo geht, war ſie faſt das einzige Kind ihres Alters in dieſer Gegend, und die übrigen ältern oder jüngern, oder die ſie da draußen in der Schule fand, die blieben ihr fremd, oder ſie folgten ihr doch nicht nach in die Einſamkeit, wo man nicht ſpielen und
nicht fröhlich hinausjauchzen mochte; denn es war ja Alles umher ſo ernſt, ſo ſchattig, und die Schritte hallten ſo ſeltſam auf dem Pflaſter— da lagen all die alten


