52
denken müſſen? Und gab es denn für mich überhaupt etwas anderes in der Welt, als Laura? Daher war ich bald wieder bei ihr— recht bald— und recht oft. Ich hatte ihr meine Gedichte mitbringen müſſen und war nicht wenig ſtolz, als ſie mir einige derſelben mit der, nur dieſer Künſtlerin eigenen, tiefen Empfindung vorlas. Nie hatte ich mich ſolcher Gedanken für fähig gehalten— ich hatte ihr Reime gegeben und ſie gab mir Gedanken zurück! Eins dieſer Gedichte gefiel ihr vor allen andern, ſie wußte es auswendig. Es hatte einen Refrain, den ſie oft zu citiren pflegte; und es kann keine ſchönern Augenblicke geben, als dieſe waren, wo ſie mir aus tiefſter Seele und mit dem ganzen Schmelz ihrer Stimme meine eignen Worte entgegenrief. Es war mir peinlich, ſo oft ſie mich bei der Anrede„Doctor“ nannte. Ich ſtand als Lügner vor dieſem herrlichen Geſchöpfe, und das drückte mich. Gleichwohl hielt ich es noch nicht an der Zeit, mich ihr zu offenbaren. Ueber ihren Abgang von der hieſigen Bühne hatte ich noch nicht wieder zu ſprechen gewagt und ſie hatte auch nichts wieder davon erwähnt.
Eins verſtimmte mich zuweilen. Das war Bollhorn, mit dem ich häufig bei Laura zuſammentraf. Ich hatte dieſen Mann oft beneidet, wenn er in der Ausübung ſeiner Rolle Laura in ſeine Arme geſchloſſen oder ihr die Stirne geküßt hatte. Ich hatte jedoch nie vergeſſen, wo dies ge⸗


