Teil eines Werkes 
2. Bd. (1859)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

45

Auf mein Bitten ſetzte ſich Laura an's Clavier und ſpielte und ſang— beides mit einer gewiſſen ſoliden Voll⸗ kommenheit. Ihre Anſpielung, daß der Recenſent der Oper den muſikaliſchen Leiſtungen einer Dilettantin un⸗ möglich Geſchmack abgewinnen könne, war mir peinigend. Ich ſollte mich nun ebenfalls an's Clavier ſetzen, und kannte keine Note. Meine muſikaliſche Bildung beſchränkte ſich auf die Gabe, alles Gehörte nachzuſpielen, die ich auf dem Inſtrumente eines Freundes allmählich gebildet hatte. Ich war daher aus einer großen Verlegenheit befreit, als mich die Mamma, die auf einige Zeit das Zimmer ver⸗ laſſen hatte, einlud, an einem einfachen Abendeſſen unten in der Gartenlaube Theil zu nehmen.

Laura's Mutter, die ich— in allen Kammern meines Herzens allmälich aufgethaut— friſchweg„Mama Braag“ titulirte, ſaß neben mir auf der Bank, Laura ſaß uns ge⸗ genüber, durch den weißgedeckten Tiſch von uns getrennt, auf einem Gartenſtuhle. Es war mir eine Seligkeit, in das ſchöne Antlitz zu blicken, deſſen Züge jeder leiſe Ge⸗ danke zu bewegen vermochte. Ich machte von dem Rechte, Denjenigen, mit dem man ſpricht, in's Auge zu faſſen, den umfangreichſten Gebrauch, war aber verſchämt genug, in den Momenten, wo die Unterhaltung ſtockte, nur ver⸗ ſtohlene Blicke zu ihr zu werfen. Ob ſie, wenn unſre Blicke ſich dann häufig begegneten, erröthend die Augen nieder⸗