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„Nein, nein, leben, leben, nur leben— unter
welcher Bedingung es auch ſeyn moͤge!“ Es lag etwas Entſetzliches in der Art, wie er dieſe Worte herausſtieß, und ſein Wunſch iſt ſpaͤter auf eine furchtbare Weiſe in Erfuͤllung gegangen.
Denn er lebte zwar, von da ab, wirklich noch fuͤnf Monate;— aber, unter welchen Bedingun⸗ gen! Mit jedem Tage moͤchte man ſagen, ver⸗ ſagte ein oder das andere Glied ſeines Koͤrpers mehr und mehr den Dienſt; Fuͤße und Haͤnde, Folge der ſich ausbildenden Ruͤckenmarksdarre(ta- bes dorsalis) ſtarben ganz ab, eben ſo einzelne Theile des innern Organismus, und den Tag vor
ſeinem Tode, wo die Laͤhmung bis hinauf an den
Hals getreten war, glaubte er ſich völlig geneſen, weil er nirgend Schmerz mehr fuͤhlte.
In dieſem uͤber allen Begriff jammervollen Zu⸗ ſtande, der jedem, der ihn ſah, durch die Seele ging, verlaͤugneten ſich bei ihm keinen Augenblick die hoͤchſte Liebe zu dem Leben, der unerſchuͤtter⸗ liche Glaube, daß es ihn nicht laſſen koͤnne, und eine, in Vergleichung mit ſeinen geſunden Tagen
faſt noch geſteigerte Heiterkeit, ja großentheils
Ausgelaſſenheit. Der ernſte Richter, der es ihm
zum Verbrechen machen mag, daß er uͤber manche
Staats⸗Einrichtungen oder aͤhnliche Gegenſtaͤnde, ſeinem Scherz freien Lauf gelaſſen, hätte nur ein⸗ mal Zeuge ſeyn ſollen, welch' eine unerſchoͤpfliche
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