10
laſſen. Meine Gedanken begannen häufig zu der Mittheilung zurückzu⸗ kebren, die ich von meiner Mutter erhalten hatte. Ich vermag kaum die Wirkung derſelben auf mich zu beſchreiben; vielleicht dürfte die jetzt in mir vorgehende Umwandlung großentheils dem Uebergange aus dem Knaben⸗ in das Mannesalter zugeſchrieben werden. Bisher waren die Creigniſſe wie Träume an mir vorübergezogen, ohne mich tief oder dauernd zu berühren. Ich war zuweilen unmuthig und verdrüßlich, ich hatte meine Schmerzen und Klagen; aber dieſe waren bei Weitem weniger un⸗ angenehm geweſen, als der Gemüthszuſtand, welcher jetzt bei mir eintrat. Mein Geiſt ſchien von unbeſtimmten Beſorgniſſen erfüllt zu werden, von denen ich weder den Grund, noch für die ich ein Heilmittel kannte. Es lag gleichſam eine ſchwere Laſt auf meiner Bruſt, es war ein unbefriedigtes Verlangen nach etwas Unbekanntem, ein Sehnen, zu deſſen Erfüllung ich nichts thun konnte, weil mir der Gegenſtand deſſelben nicht bekannt war. Ich verſank oft in Gedanken, aber mein Geiſt ſchien ſich nicht auf irgend einen beſtimmten Gegenſtand zu firiren und nach ſtundenlangem tiefen Nachſinnen würde ich oft ſehr verlegen geweſen ſein, wenn ich hätte ſagen ſollen, an was ich gedacht habe.
Mitunter nahmen aber meine Betrachtungen eine beſtimmte Form an. Ich begann zu überlegen, wer ich ſei und was ich zu erwarten habe. Ich war der Sohn eines freien Mannes und doch als Sklave geboren. Von der Natur mit Fähigkeiten begabt, welche man mir nie auszuüben ge⸗ ſtatten würde,— im Beſitz von Kenntniſſen, welche ich bereits verhehlen
Bruders,— ein gefeſſeltes, eingeſchloſſenes, gefangenes Geſchöpf, das es nicht wagte, ſich von dem Hauſe ſeines Herrn zu entfernen, ohne dazu eine ſchriftliche Erlaubniß zu haben! Zum Spielballe ſeiner Launen beſtimmt, gänzlich gehindert, in irgend einer Beziehung für mich ſelbſt zu handeln oder mein eigenes Glück zu Rathe zu ziehen, gezwungen mein ganzes Leben lang auf das Gebot eines Andern zu arbeiten und jede Stunde, jeden Augenblick den ſchmählichſten Bedrückungen und demüthigendſten Kränkungen ausgeſetzt!. 3 Dieſe Gedanken wurden bald ſo bitter, daß ich mich, ſo viel ich konnte, bemühte, ſie zu unterdrücken. Dies ſtand jedoch nicht immer in meiner Macht. Trotz meiner Anſtrengungen ſtiegen dieſe verhaßten Ideen immer wieder in meinem Innern auf und verurfachten mir wahre Folterqualen. Mein junger Herr blieb fortwaͤhrend ſo gütig, wie er von Anfang an geweſen war. Ich wurde ein Mann; er aber war noch immer ein Knabe geblieben. Seine andauernde Kränklichkeit, welche ſein Wachsthum hemmte, ſchien auch ſeine geiſtige Reife zu verzögern. Er gerieth mit jedem Tage ſtärker unter meinen Einfluß und mit jedem Tage wurde meine Zuneigung zu ihm größer. Er war in der That meine einzige Hoffnung. So lange ich bei ihm blieb, konnte ich erwarten, dem ärgſten Grade der Sklaverei zu entrinnen. In ſeinen Augen war ich nicht ein bloßer Diener. Er betrachtete mich mehr als einen geliebten und vertrauten Gefährten. Obgleich er den Namen und die Vorrechte eines Herrn hatte, befand ich mich doch weit weniger unter ſeiner Herrſchaft, als er unter der meinen. Zwiſchen uns herrſchte eine faſt brüderliche Liebe, wenigſtens von der Art, wie ſie zwiſchen Milchbrüdern ſtattfinden mag, wenn auch Keiner von uns jemals eine Anſpielung auf unſere wirkliche Verwandtſchaft machte, welche ihm übrigens wahrſcheinlich unbekannt war.
mußte,— der Sklave meines eigenen Vuters,— der Diener meines eigenen


