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Ich hatte James noch eben ſo lieb wie ſonſt, aber gegen Oberſt Moore erfuhren meine Gefühle eine vollſtändige Veränderung. So lange ich mich nur als ſeinen Sklaven betrachtete, hatte ſeine anſcheinende Güte ihm meine Zuneigung erworben und es gab nichts, was ich nicht für einen ſo freund⸗ lichen und herablaſſenden Herrn gethan oder gelitten haben würde; nachdem ich mich aber als ſeinen Sohn betrachten gelernt, begann ich zu fühlen, daß ich das, was ich bis jetzt für ein Geſchenk angeſehen hatte, als ein Recht verlangen könne. Ich begann zu ahnen, daß ich Anſpruch auf noch viel mehr— auf gleiche Rechte mit meinen Brüdern hatte. Ich hatte zu⸗ weilen in der Bibel geleſen und jetzt wendete ich mich mit erneuertem Intereſſe zu der Geſchichte der Sklavin Hagar und ibres Sohnes Ismael, und als ich las, wie ihnen ein Engel zu Hilfe gekommen war, nachdem ſie der hartherzige Abraham in die Wüſte hinausgeſtoßen hatte, ſchien in mir eine ſeltſame, unbeſtimmte Hoffnung zu erwachen, daß auch ich durch irgend einen mir noch unbekannten Zufall Unterſtützung und Hilfe finden werde. Zu gleicher Zeit mit dieſer Hoffnung bemächtigte ſich meines Charak⸗ tere eine neue Bitterkeit. Ich ballte unwillkürlich die Hände, knirſchte mit den Zähnen und hielt mich für einen zweiten Ismael, der in der Wüſte umherirre, deſſen Hand gegen die eines Jeden und gegen den wiederum die Hand eines Jeden erhoben ſei. Die Ungerechtigkeit meines unnatür⸗ lichen Vaters empörte mich immer mehr und mehr und alle meine Liebe gegen ihn verwandelte ſich in Haß. Die Grauſamkeit der Geſetze, welche mich im Hauſe meines eigenen Vaters zum Sklaven machte, ſchien in blutigen Lettern vor meinen nur zu prophetiſchen Augen zu ſtehen. Obgleich ich noch jung war und noch keine Prüfungen erfahren hatte, zitterte ich doch vor der Zukunft und verwünſchte das Land und die Stunde meiner Geburt.
Ich ſuchte die neuen Gefühle, von denen ich gepeinigt wurde, ſo viel
als möglich zu verbergen und da die Lüge eine von den Schutzwaffen gegen die Tyrannei iſt, die der Sklave ſchon frühzeitig benutzen lernt, ſo wendete ich ſie oft nicht ohne Erfolg an. Mein junger Herr fand mich zuweilen in Thränen und mitunter, wenn ich in Gedanken verſunken war, beklagte er ſich über meine Unaufmerkſamkeit; aber ich wies ihn mit plauſibeln Ausflüchten ab, und wenn er auch argwöhnte, daß etwas in mir vorgehe, wovon ich ihm nichts ſagte, und er häufig rief:— Sprich, Archy, ſage mir, was Dir fehlt,— ſo nahm ich doch die Sache auf die leichte Achſel und zerſtreute ſeine Vermuthungen durch heiteres Gelächter.
Jetzt ſollte ich aber dieſen gütigen Herrn, in deſſen Zuneigung und Liebe ich das einzige Schutzmittel fand, welches die Sklaverei erträglich
machen konnte, verlieren. Seine Geſundheit, welche ſtets ſchwankend ge⸗ weſen war, verſchlimmerte ſich reißend ſchnell und feſſelte ihn anfangs an's Zimmer, und bald ſogar an's Bett. Ich pflegte ihn während ſeiner ganzen Krankheit mit dem Eifer und der Sorgſamkeit einer Mutter. Noch nie war ein Herr treuer bedient worden— aaber es war der Freund und nicht der Sklave, welcher ihm dieſe Aufmerkſamkeiten bewies. Er zeigte ſich auch erkenntlich für meine Dienſte, ſchien nicht zugeben zu wollen, daß außer mir Jemand um ihn war, und nahm nur aus meiner Hand Arznei oder Speiſe an. Es ſtand jedoch nicht in der Macht eines Arztes oder eines Waͤrters, ihn zu retten; er zehrte ab und wurde mit jeder Stunde ſchwächer. Die Kriſis trat bald ein; ſeine weinenden Freunde verſammelten ſich um ſein Bett, aber die Thränen, welche ſie vergoſſen, waren nicht ſo bitter wie die meinen. Faſt noch mit dem letzten Athemzuge empfuhl er mich dem


