5
Kinde abſolute Gewalt üͤber ein anderes ertheilt, laſſen ſich leicht denken. Die Herrſchſucht iſt wohl die ſtärkſte von unſern Leidenſchaften und es iſt erſtaunlich, wie ſchnell das kleinſte Kind in der Tyrannei vollkommen wird. Hiervon war William, der älteſte Sohn Oberſt Moore's, ein auffallendes Beiſpiel. Er war der Schrecken nicht nur ſeines Leibdieners Joe, ſondern auch aller übrigen Kinder auf dem Gute. Die gedankenloſe, unvernünftige Freude an der Ausübung von Grauſamkeiten, welche ein launiſches Kind zuweilen zeigt, ſchien bei ihm faſt eine Leidenſchaft zu ſein, welche durch beſtändige Nachſicht bald zur Gewohnheit wurde. Wenn ein Sklave wegen eines Vergehens gezüchtigt werden ſollte, ſo ruhte er nicht eher, als bis er es ausfindig gemacht hatte und bei der Beſtrafung zugegen ſein konnte, ſo daß er bald in alle abſcheulichen Gewohnheiten und ekelhaften Aus⸗ drücke eines Aufſehers eingeweiht wurde. Er ging ſtets mit einer Peitſche bewaffnet, welche doppelt ſo lang war wie er ſelbſt, und zeigte ſich beim geringſten Widerſtande gegen ſeine Launen bereit, ſeine Geſchicklichkeit in ihrer Anwendung zu beweiſen. Zwar gab er ſich einige Mühe, dies vor ſeinem Vater zu verbergen; aber jener vermied es ſeinerſeits nach Möglichkeit, Dinge zu ſehen, welche er nicht billigen konnte, die er aber als nachſichtiger Vater nur ſchwer zu verhindern oder zu verbieten vermocht haben würde.
Maſter James, zu deſſen Bedienung ich ſpeciell beſtimmt wurde, war ein ganz anderer Knabe. Von Geburt an kränklich und ſchwächlich, beſaß er einen ſanften Charakter und ein faſt weibliches Gemüth. Er war liebreich und faßte bald eine Zuneigung zu mir, welche ich dankbar erwie⸗ derte. Er beſchützte mich gegen die Tyrannei Maſter Williams' durch ſeine Bitten, ſeine Thränen und, was bei dieſem liebenswürdigen Knaben von weit größerem Gewicht war, durch Drohungen, ſich bei ſeinem Vater zu beklagen und dieſem das rohe und grauſame Benehmen des Bruders zu hinterbringen..
Ich lernte bald eine zuweilen eintretende üble Laune, welche die ſchwan⸗ kende Geſundheit des Maſter James hinreichend entſchuldigte, ertragen und verzeihen, und durch Schmeichelei und anſcheinende Unterwürfigkeit— denn ein Kind lernt und übt ſolche Künſte eben ſo leicht wie ein Mann— er⸗ langte ich bald einen großen Einfluß auf ihn. Er war der Herr und ich der Sklave; in unſerer Kinderzeit hatte jedoch dieſer künſtlich gemachte Unterſchied geringere Wirkung und es wurde mir nicht ſchwer, den wirk⸗ lichen Vorrang zu behaupten, zu dem mich meine größere Körper⸗ und Gei⸗ ſteskraft berechtigte.
Als Maſter James das Alter von fünf Jahren erreicht hatte, hielt es ſein Vater für räthlich, ihn in den Elementarkenntniſſen zu unterrichten. Das Lernen der Buchſtaben war ſchon eine mühſame Arbeit,— aber ſte zu Worten zuſammenzuſetzen, ſchien meinem jungen Herrn faſt unmöglich zu ſein. Es fehlte ihm nicht an gutem Willen, er wünſchte ſogar ſehr eifrig zu lernen; es war die Fähigkeit, nicht die Neigung, welche ihm mangelte.
In dieſer Verlegenheit nahm er ſeine Zuflucht zu mir, da ich bei jedem Anlaſſe ſein Hauptrathgeber war. Wir ſteckten die Köpfe zuſammen und hatten bald einen Plan ausgeſonnen. Mein Gedächtniß war vortreff⸗ lich, während das meines armen kleinen Herrn erbärmlich genannt werden mußte. Wir richteten es daher ſo ein, daß der Hauslehrer mir zuerſt die Buchſtaben und Worte lehrte, welche mir mein gutes Gedächtniß leicht zu behalten erlaubte, und daß ich ſie allmählig beim Spielen, wie es die Ge⸗


