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Johann Gottfried von Herder's Blumenlese aus morgenländischen Dichtern / Johann Gottfried von Herder. Herausgegeben von Johann von Müller
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Es war eine Zeit, da dieſe Geſchicht⸗Romane ſehr im Gebrauch waren; allein eine beſſere Zeit hat auch hier die Wahrheit von der lehrreichen Luͤge geſon⸗ dert. Wer erdichten will, dichte ganz: wer Ge⸗ ſchichte ſchreiben will, habe das Herz, die Wahrheit nackt zu zeigen.

Denn was waͤre es endlich, was das Chronolo⸗ giſche der Geſchichte zur Bildung des Herzeus bei⸗ truͤge? Gewinnet eine edle That irgend etwas Be⸗ lehreudes dadurch, wenn ich weiß, daß ſie Phllip⸗ pus in Macedonien und kein andrer gethan habe? Der Chronolog zaͤhle ſeine Jahre, der Kritiker be⸗ richtige ſeine Dokumente, der Polltiker ſtelle ſie in Zuſammenhang ſeiner Welthaͤndel, und der Philo⸗ ſoph forſche ihrer allgemeinen Verbindung nach, dem Moraliſten ſind Facta nur Facta, Begebenheiten nur Begebenheiten. Er ſondert ſie aus und erzaͤhlt ſie, wie man eine Fabel oder ein Maͤhrchen erzaͤhlt, damit ſie eine unterrichtende Lehre anſchaulich ma⸗ chen, als menſchliche Beiſplele. Wenn ſeine Ge⸗ ſchichte ganz außer der Zeit, in einem erdichteten Lande ſich zutruͤge; und ſie iſt menſchlich wahr, unterrich⸗ tend, anſchaulich, ruͤhrend: deſto beſſer fuͤr ihn! deſto reiner iſt die Wirkung ſeiner Geſchichte.

Daß nun unter dieſen moraliſchen Begebenhei⸗ ten, ſie moͤgen wahr oder erdichtet ſeyn, die mor⸗ genlaͤndiſche Erzaͤhlung einen vorzuͤglich⸗ſchoͤ⸗ nen Platz einnehme, daruͤber darf man nur das Ge⸗ fuͤbl der Jugend fragen. Ich bin mir der Zeit noch wohl bewußt, da ich in meiner Kindheit die Gel⸗ lertſche Erzaͤhlung las:

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