Druckschrift 
Johann Gottfried von Herder's Blumenlese aus morgenländischen Dichtern / Johann Gottfried von Herder. Herausgegeben von Johann von Müller
Einzelbild herunterladen

262

rungsſaͤtze und Regeln der Klugheit, wie z. B. der Staͤrkere den Schwaͤchern unterdruͤckt, der Schwaͤ⸗ chere ſich durch Klugheit und Liſt vertheidigt und der⸗ gleichen, finden im Reich der Fabel eine Menge der lehrendſten Beiſpiele; wahre Großmuth aber, eine Tugend, die waͤhlt, ſich ſelbſt beſtimmt und Leiden⸗ ſchaften uͤberwindet, liegt, wie jedermann weiß, ei⸗ gentlich gar nicht im Charakter der Thiere. Alſo muͤßte die Denkart dieſer erhoͤhet, ihre Sitten muͤß⸗ ten voͤllig humaniſirt werden, wenn ſie dergleichen Lehren anſchaubar machen ſollen; dann aber iſt's leicht begrelflich, daß, je menſchlicher die Fabel auf dieſe Weiſe wird, deſto mehr ihr Reiz und ihre ein⸗ dringende Kraft ſelbſt verſchwinde. Nur auf der Einfalt, ja gleichſam auf der naturhiſtoriſchen Wahr⸗ heit des vorgeſtellten Beiſpiels beruhet dieſe. Der Fuchs, der Loͤwe, der Tiger ſpricht nicht mehr uͤber⸗ redend fuͤr mich, ſobald er nicht mehr in ſeinem Cha⸗ rakter ſpricht und hanbelt. Es iſt der verkleidete Moraliſt, der, ohne damit taͤuſchen zu koͤnnen, die Geſtalt des Thiers annimmt und beſſer thaͤte, wenn er die Lehre, die mir kein Thier ſagen kann, auf eine beſſere Weiſe als Menſch ſagte. Der Menſch iſt des Menſchen erſter und vorzuͤglichſter Lehrer, und da dieſer ihn abermals mehr durch ſein Bei⸗ ſpiel als durch ſeine Worte unterrichten kann: ſo entſtehet die Frage:woher ſind die unterrichtend⸗ ſten Beiſpiele des Menſchen zu nehmen? Ohne Zweifel aus der Geſchichte, wird man ſagen; aber auch hinzuſetzen muͤſſen, wenn die gewoͤhnliche Ge⸗ ſchichte ſolche liefert. Da unſre Geſchichte aber ſich