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Johann Gottfried von Herder's Blumenlese aus morgenländischen Dichtern / Johann Gottfried von Herder. Herausgegeben von Johann von Müller
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deln lernte, und auch ſo handeln wird, wenn ihre körperlichen Geſtalten ſich laͤngſt ſeinem Auge, ja viel⸗ leicht ſeinem Gedaͤchtniß ſelbſt entzogen haben. Aber woher ſollen wir dieſe Tugendbilder nehmen, wenn ſte nicht da ſind? oder was ſollen wir, wenn ſie feh⸗ len, an ihre Stelle ſetzen? Goldene Sitten⸗ ſpruͤche und Regeln ſind freilich von unſchaͤtz⸗ harem Werth: fruͤhzeitig gelernt, geben ſie unſerm Geiſt, wenigſtens unſerm Gedaͤchtniß einen ſchoͤnen Vorrath zukuͤnftiger Bemerkungen auf die Reiſe des Lebens; allein wie viel fehlt ihnen noch, daß ſie mit aller Macht des Beiſpiels wirken! Aus einzelnen Erfahrungen wurden ſie gezogen; in dieſe muͤſſen ſie alſo zuerſt zuruͤckkehren und ſich mit der Geſchichte gleichſam umkleiden, ehe ſie nur als lebendige We⸗ ſen vor uns erſcheinen, geſchweige zu unſerm inner⸗ ſten Bewußtſeyn ſprechen, und unſerm Geiſt oder Herzen ihr Bild eindruͤcken koͤnnen; außerdem blei⸗ ben ſie bloße Schattengeſtalten oder ſind leere Toͤne. Es iſt alſo bei ihnen, inſonderhelt wenn ſie auswen⸗ dig gelernt werden, Maaß und Vorſicht nicht genug zu empfehlen: denn ein Kind, das viele Sitten⸗ ſpruͤche auf der Zunge hat, ohne ſie weder dem Ver⸗ ſtande eingepraͤgt, noch mit der Anwendung verbunden zu haben, wird gar bald einem duͤrren Gewaͤchs gleich, das man ſtatt eigener Fruͤchte mit fremden Perlen bekraͤnzte.

Alſo werde die Sittenlehre in Handlung geſetzt, oder ſie entſpringe vielmehr ſelbſt aus Handlung; und hier bieten ſich zuerſt die Einkleidungen an, die man aͤſopiſche Fabeln nennt. Nicht weil Ae⸗