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Johann Gottfried von Herder's Blumenlese aus morgenländischen Dichtern / Johann Gottfried von Herder. Herausgegeben von Johann von Müller
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die beweglichſte und zugleich die gefaͤhrlichſte aller menſchlichen Gemuͤthsgaben. Tauſend Uebel des Lebens, die uns in ſpaͤtern Jahren verfolgen, ja die wir mit uns in unſerer Bruſt umhertragen, entſpran⸗ gen daher, daß wir in der Jugend unſere Phantaſie verwoͤhnten, daß wir uns Luftgeſtalten ſchufen, die fuͤr dieſes Leben keinen Beſtand haben, weil wir ſie uͤbel zuſammenſetzten. Viele Jahre gehoͤren nach⸗ her dazu, uns von dem ſuͤßen Truge vielleicht bitter zu entwoͤhnen, und manche Menſchen bleiben bis auf den letzten Tag ihres Lebens mit ſich ſelbſt und mit andern gequaͤlte und betrogene Kinder. Worauf ſol⸗ len wir alſo unſere jugendliche Einbildungskraft rich⸗ ten, damit ſie ihres Ziels nicht verfehle und in der gehoͤrigen Laufbahn bleibe? Jedermann ſagt: auf Beiſpiele des Guten und Edlen; allein wo ſind dieſe? Waͤren ſie im gemeinen Leben vor uns, waͤren ſie auf allen Straßen, in allen Handlun⸗ gen und Geſchaͤften ſo zahlreich, daß wir nicht an⸗ ders als ſie uͤberail ſehen und ihnen gleichfoͤrmig handeln muͤßten, ſo lebten wir freilich in einer wahren Tugendſchule: denn nichts wirkt, auch ohne daß wir es gewahr werden, auf unſer jugendliches Gemuͤth mehr, als das Beiſpiel derer, mit denen wir leben. Dreimal gluͤcklich iſt die aufbluͤhende Seele, der, als ſie noch Knoſpe war, der Himmel eine ſo ſchoͤne Stelle verlieh! Vorbilder des Guten und Edlen ſtanden um den aufmerkſamen Juͤngling und druͤckten ſich mit der liebevollen Gewalt der Tu⸗ gend ſo ſanſt und zugleich ſo maͤchtig in ſein Herz, daß er, ohne es zu wiſſen, ihnen gleichfoͤrmig han⸗