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Johann Gottfried von Herder's Blumenlese aus morgenländischen Dichtern / Johann Gottfried von Herder. Herausgegeben von Johann von Müller
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258 Anmuthigen der Jugend liegt hierinn; in dem Zau⸗ berglanz friſcher Eindruͤcke naͤmlich, in der blen⸗ denden Groͤße, die uns das Neue der Welt ge⸗ waͤhret.

Auch dieſe Anlage in uns iſt eine Gabe des Schoͤpfers, der jedes ſeiner Geſchoͤpfe bei jedem Schritt ſeines kurzen Daſeyns hlenleden mit den Faͤhigkeiten verſah, die fuͤr dieſes und fuͤr ſeine fol⸗ genden Zeitalter gehoͤrten. Denn im menſchlichen Leben entwickelt ſich ein Zuſtand aus dem andern: wie ſich die Tage ketten, ſo ketten ſich auch unſere Ge⸗ danken, und was der Fruͤhling nicht ſaͤete, kann der Sommer nicht reifen, der Herbſt nicht ernten, der Winter nicht genfeßen. Wie eine volle Knoſpe bricht alſo unſer Daſeyn zur Zeift der Jugend hervor, da⸗ mit es die ſpaͤtern Jahre des Lebens reifen. Unſere Gedanken und Wuͤnſche reichen in ihr weiter hinaus, als unſere Haͤnde je reichen werden.

Gluͤcklich iſt dieſe Zeit der Jugend, auch in ih⸗ rem erſten ſchoͤnen Traum gluͤcklich. Sie ahnet viel, denn ſie kennet noch wenig; ſie hoffet viel, denn ſie iſt noch nie von den Schranken zuruͤckgeſtoßen, die unſere beſten Hoffnungen einſchraͤnken. Wir haben alſo dem Schoͤpfer fuͤr dieſen Morgen voll ſchoͤner Bilder, fuͤr dieß Paradies unſchuldiger Hoffnungen und Wuͤnſche ſehr zu danken. Aber wir haben auch Fleiß anzuwenden, daß wir dieß Paradies Gottes bauen, und uns nſcht in Wolken verlieren, die bei ihrer ſchoͤnen Geſtalt zuletzt in fuͤrchterliche Ungewit⸗ ter ausbrechen koͤnnten. Nichts hat der Menſch in ſich ſo ſehr zu bezaͤhmen als ſeine Einbildungskraſt,