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Johann Gottfried von Herder's Blumenlese aus morgenländischen Dichtern / Johann Gottfried von Herder. Herausgegeben von Johann von Müller
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Und eine ſchöne Aue kag vor ihr, ſchöner als ſelbſt ihr Jugend⸗Paradies; und auf ihr weidete in ihres Sohnes Geſtalt, ein weißgekleideter Schäfer. Die rothen Roſen waren um ſein Haar, und in der Hand hielt er ein Saitenſpiel, aus welchem jene ſüßen Töne kamen. Er kehrte liebreich ſich zu ihr, er wollte ihr nahen and verſchwand. Der Traum verſchwand mit ihm.

Erwachend ſah die Mutter des Tages Morgenröthe wie blutig aufgehn, und ging mit ſchwerem Herzen zum Opferfeſt.

Die Brüder brachten ihr Opfer, die Eltern gingen heim. Am Abend aber kam der jüngere nicht wieder. Angſtvoll ſuchte die Mutter ihn, und fand nur ſeine zer⸗ ſtreute, traurige Heerde. Er ſelbſt lag blutig am Altar: die Roſen waren mit ſeinem Blute gefärbt, und Kains Aechzen ſchallte laut aus einer nahen Höhle.

Ohnmächtig ſank ſie auf des Sohnes Leichnam, als ihr zum zweitenmal das Traumgeſicht erſchien. Ihr Sohn war jener Schäfer, den ſie dort im neuen Para⸗ dieſe ſah, die rothen Roſen waren um ſein Haar; lieb⸗ liche Töne klangen aus ſeiner Harfe; alſo ſang er ihr zu:Schaue hinauf gen Himmel zu den Sternen: wei⸗ nende Mutter, ſchaue hinauf Sieh ienen glänzenden Wagen dort! er führt zu andern Auen, zu ſchönern Paradieſen, als du in Eden ſahſt; wo die blutgefärbte Roſe der Unſchuld voller blüht, und alle Seufzer ſich in ſüße Töne wandeln.

Das Traumgeſicht verſchwand; geſtärkt ſtand Eva vom blaſſen Leichnam ihres Sohnes guf Und da ſie Morgens ihn mit ihrer Thräne bethaut und mit den Roſen ſeines Altars bekräͤnzet hatte, begruben Vater und Mutter ihn an Gottes Altar, vorm Angſicht einer ſchönern Morgenröthe. Oft aber ſaßen ſie an ſeinem

Grabe zu Mitternacht, und ſahen gen Himmel hinauf

zum hohen Sternen⸗Wagen, und ſuchten ihren Schäfer dort.