Druckschrift 
Johann Gottfried von Herder's Blumenlese aus morgenländischen Dichtern / Johann Gottfried von Herder. Herausgegeben von Johann von Müller
Einzelbild herunterladen

27 Adams Tod.

Neunhundert dreißig Jahr war Adam alt, als er das Wort des Richtersein ſich fühlte: Du ſollt des Todes ſterben.

Laß alle meine Söhne vor mich kommen, ſprach er zur weinenden Eva,daß ich ſie noch ſehe und ſegne. Sie kamen alle auf des Vaters Wort, und ſtunden vor ihm da, viel hundert an der Zahl, und flehten um ſein Leben.

Wer unter euch, ſprach Adam,will zum heiligen Berge gehn? Vielleicht daß er für mich Erbarmung fin⸗ de, und bringe mir die Frucht vom Lebens⸗Baum. Alsbald erboten ſich alle ſeine Söhne, und Seth der frömmſte, ward vom Bater ſelbſt zur Botſchaft aus⸗ erwählet.

Sein Haupt mit Aſche beſtreuet, eilte er und ſäumte nicht, bis er vor der Pforte des Paradieſes ſtand.Laß ihn Erbarmung ünden, Barmherziger,(ſo flehete er) und fende meinem Vater eine Frucht vom Lebens⸗Baum.

Schnell ſtand der glänzende Cherub da; und ſtatt der Frucht vom Lebensbaum hielt er einen Zweig von dreien Blättern in ſeiner Hand.Bringe dem Vater ihn, ſo ſprach er freundlich,zu ſeiner letzten Labung

hier: denn ewiges Leben wohnt nicht auf der Erde. Nur eile; ſeine Stunde iſt da!

Schnell eilte Seth und warf ſich nieder und ſprach: keine Frucht vom Baume des Lebens bringe ich dir, mein Vater; nur dieſen Zweig hat mir der Enger gege⸗ ben, zu deiner letzten Labung hier.

Der Sterbende nahm den Zweig und freuete ſich. Er roch an ihm den Geruch des Paradieſes: da erhob

ſich ſeine Seele:Kinder, ſprach er,ewiges Leben wohnt für uns nicht auf der Erde: ihr folgt mir nach. Aber an dieſen Blättern athme ich Hauch einer andern Welt, Erguickung. Da vrach ſein Auge: ſein Geiſt entfloh.