17 Das Kind der Barmherzigkeit.
Als der Allmächtige den Menſchen erſchaffen wollte verſammelte er rathſchlagend die oberſten Engel um ſich. „Erſchaffe ihn nicht!“ ſo ſprach der Engel der Ge⸗ rechtigkeit;„er wird unbillig gegen ſeine Brüder ſeyn, und hart und grauſam gegen den Schwächern handeln.“ „Erſchaffe ihn nicht!“ ſo ſprach der Engel des Frie⸗ dens.„Er wird die Erde düngen mit Menſchenblut; der Erſtgebohrne ſeines Geſchlechts wird ſeinen Bruder morden.“ „Dein Heiligthum wird er mit Lügen entweihen,“ ſo ſprach der Engel der Wahrheit,„und ob du ihm dein Bildniß ſelbſt, der Treue Siegel auf ſein Antlitz prägteſt.“ Roch ſprachen ſie, als die Barmherzigkeit, des ewigen Vaters füngſtes liebſtes Kind, zu ſeinem Throne trar, und ſeine Kniee umfaßte.„Bild' ihn,“ ſprach ſie, „Bater, zu deinem Bilde ſelbſt, ein Liebling deiner Güte, Wenn alle deine Diener ihn verlaſſen, will ich ihn ſu⸗ chen, und ihm liebend beiſtehn und ſeine Fehler ſelbſt zum Guten kenken. Des Schwachen Herz will ich mit⸗ keidig machen und zum Erbarmen gegen Schwaͤchere nei⸗ gen. Wenn er vom Frieden und der Wahrheit irret, wenn er Gerechtigkeit und Billigkeit beleidigt: ſo ſollen ſeines Irrthums Folgen ſelbſt zurück ihn führen und mit Liebe beſſern.“ Der Vater der Menſchen bildete den Menſchen. Ein fehlbar⸗ſchwaches Geſchöpf; aber in Fehlern ſelbſt ein Zög⸗ king ſeiner Güte, Sohn der Barmherzigkeit, Sohn einer Liebe, die nimmer ihn verläßt, ihn immer beſſernd.—
„Erinnere dich deines Urſprungs, Menſch, wenn du hart und undiltig biſt. Von allen Gottes⸗Eigenſchaf⸗ ten hat Barin herzigkeit zum Leben dich erwählt; und lebend reichte dir Erbarmu ng nur und Liebe dis mütterliche Bruſt.
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Perders Werke z. ſchön. Lit. u Kunſt. IX. 2


