Druckschrift 
Theagenes und Charikleia : ein Roman / aus dem Griech. des Heliodoros, übers. von Karl Wilhelm Göttling
Einzelbild herunterladen

19

die Rache mit ſich in der Zeit. Auf ſo gottloſe aber wirft ſie ein ſcharfes Auge und ereilte ſo denn auch die verruchte Demänete. Mir iſt nichts von dem was geſagt oder gethan ward entgangen, weil Thisbe, wie du weißt, in ihrer Verbindung mit mir alles erzählte. Denn als das ungerechte Loos deiner Aech⸗ tung geworfen war, da verbannte ſich dein armer Vater, den es reute, was dir geſchehn, auf ein einſames Landgut und verbrachte dort ſeine Tage, ſich ſelbſt zehrend am Herzen, wie der Dichter ſagt. Aber jene trieben alsbald die Erinnyen und ſie liebte dich noch wahnſinniger in der Ferne und weinte un⸗ aufhörlich, ſcheinbar über dich, aber in Wahrheit über ihr eigenes Unglück. Tag und Nacht rief ſie: Knemon! nannte dich ihr ſüſſes Kind, ihr Leben, daß ſelbſt Frauen ihrer Bekanntſchaft, die ſie zu be⸗ ſuchen kamen, ſie bewunderten und lobten, wie eine Stiefmutter ſo wahrhaft muͤtterliche Gefuhle zeige. Auch zu tröſten und aufzurichten ſuchte man ſie; allein ſie ſagte: ſolch ein Unglück ſey untröſtbar und keine andere wiſſe, welcher Stachel ihr im Herzen wühle. Und war ſie irgend allein, ſo ſchalt ſie heftig 15 auf Thisben, daß ſie ihr nicht nach Gewiſſen gedient, hielt ihr vor, wie eifrig ſie ſich bewieſen für die furchtbare That, wie ſie für ihre Liebe ſo gar nichts gethan, allein das Theuerſte ihr zu rauben ſich ſchneller gezeigt, als ein Gedanke; ſelbſt zur weitern Ueberlegung ihr nicht Zeit gegönnt. Und ſo hatte ſie offenbar etwas gegen Thisben im Werke. Die aber, ihren Groll und tiefen Schmerz gewahrend, der ſie zu allem fähig machte, da ſie eben ſo im Zorn wie in der Liebe raſend war, beſchloß ihr eilig zuvor⸗