313
Das Gewebe mußte locker und leicht ſein, keiner der Charaktere zu ſehr herausgehoben und ſchattirt. Es wäre z. B. ein Leichtes geweſen, aus Ida eine ganz honnete, würdige Figur zu machen; der Charakter des Hofrath Berner hätte mit wenigen Strichen mehr hervorgehoben werden können; man hätte aus der ganzen Novelle ein mehr gerundetes, würdiges Ganzes machen können! Aber dann— war der Zweck verfehlt. So flach als möglich mußten die verſchiedenen Charaktere auf der Leinwand ſtehen, ſteif in ihren Bewegungen, übertrieben in ihrem Herzeleid, grell in ihren Leidenſchaften, ſinnlich, ſinnlich in der Liebe. Jene Novelle an ſich hat keinen Werth, und dennoch hat es mich oft in der Seele geſchmerzt, wenn ich eines oder das andere der geſammelten„Zuthätchen“ einſtreuen, wenn ich von keuſchen Mar⸗ morbuſen, ſtolzer Schwanenbruſt, jungfräulichen Schneehügeln, Alabaſterformen et caetera ſprechen mußte, wenn ich nach ſeinem
Vorgange von ſchönen„Wäd—,“ von ſüßen„Kü—“(was nicht
Küche bedeutet), von wollüſtigen Träumen ſchreiben ſollte; wenn die Liebesglut zur Sprache kam, die dem„jungfräulichen Kind“ wie glühendes Eiſen durch alle Adern rinnt, daß ſie alle andern Tücher wegwirft und die leichte Bettdecke herabſchieben muß! Ich habe gelacht, wenn ich nach Anleitung ſeines Gradus ad Par- nassum als Beiwort zu den Haaren„kohlrabenſchwarz“ oder „Flachsperrücke“ ſetzen mußte, wenn man ſtatt der Augen„Feuer⸗ räder“ oder„Liebesſterne“ hat, Korallenlippen,„Perlenſchnüre“ ſtatt der Zähne, Schwanenhälſe ſammt ditto Bruſt, Kniee, die man zuſammen„kneipt,“ weil man vor Lachen„berſten“ möchte; Wäd— und Füßchen zum kü— und dergleichen lächerliche ge⸗ meine Worte. Nachdem gehörig getollt, gejodelt, getanzt, geweint, abgehärmt war, nachdem, wie natürlich, das Laſter beſiegt und die Tugend in einem herrlichen Schleppkleide, mit Brüſſeler Kanten, Blumen im Haare auf die Bühne geführt war, wurden als Morgengabe mehrere Millionen Thaler, einige Schlöſſer, Parks, Gründe et caetera aufnotirt und Hochzeit gehalten. Da gab es nun ein„erſchreckliches Halloh, daß man nicht wußte,


