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„Sie geben ſich vergeblich Mühe, Hofräthchen,“ kicherte das loſe Ding,„ganz vergebliche Mühe; ich habe dieſen Menſchen in meinem ganzen Leben, auf Chre, noch nie geſprochen; doch ge⸗ ſehen,“ ſetzte ſie ernſter werdend hinzu,„geſehen habe ich ihn, und deßwegen kam ich auch vorhin etwas in Verlegenheit.“ „Was da! Zwiſchen ſehen und ſehen iſt ein großer Unter⸗ ſchied,“ antwortete Berner mit einem völlig unglaubigen Kopf⸗ ſchütteln.„Da müſſen Sie ihm doch ein wenig gar ſcharf in die Augen geſehen haben?“— „So hören Sie mich doch, Sie böſer Mann!“ unterbrach ihn Ida.„Wer wird denn auch gleich auf den Schein hin ver⸗ dammen? Ich ſage noch einmal, ich weiß nicht, wer er iſt, aber das innigſte Mitleid habe ich mit ihm. Als wir geſtern durch den Lanzinger Wald kamen, fuhren wir einer Equipage vor, die ganz langſam im Schritt hinging. Es war ein prachtvoller Landau mit einem großen Bocke, worauf ein alter Diener in reicher Livrée ſaß; am Wagen zogen vier Poſtpferde; das Dach war zurück⸗ geſchlagen, und es ſaß Niemand darin als ein großer Hund. Sie wiſfen, wie man auf der Reiſe iſt, man intereſſirt ſich um die Mitreiſenden, beſonders wenn man glaubt, auf einerlei Station mit ihnen zu wohnen oder zu ſpeiſen. So dachte ich mir jetzt die Reiſenden, denen der Wagen gehoͤre, ſeien vorausge⸗ gangen und laſſen ihn langſam nachfahren. Ich ſah daher alle
Augenblicke nach unſerem Wagen, ob ich noch keine reiſenden
3 Engländerinnen oder Franzöſtnnen gewahr werden koͤnnte, aber
immer vergebens. Endlich, als wir um eine Waldecke bogen,
ſah ich auf einmal einen Mann, der unter einer Eiche ſaß und zu dem Wagen gehöͤren mußte. 1. 3 „ und war es derſelbe, der dort an der Säule ſteht?“ fragte der Hofrath. 3 „Derſelbe; er war auch ganz ſchwarz gekleidet wie jetzt, ſein Hut lag neben ihm im Gras, ſeinen Kopf ſtützte er in die hohle Hand. Das Geräuſch unſeres Wagens, der jetzt, weil er bergauf ging, auch langſam fuhr, ſchien ihn aufzuſchrecken; ohne 3


