Teil eines Werkes 
3. Bd. (1866)
Entstehung
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unwillkürlich ſchrack Ida zuſammen, geſpenſterhafte Blaͤſſe lag auf dieſem feinen, ſchönen Geſicht, geheimer Gram oder ver⸗ ſchloſſenes Kämpfen mit finſterem Leiden ſchien das muntere, jugendliche Leben aus dieſen tiefen, im ſchönſten Ebenmaß ge⸗ formten Zügen hinweggewiſcht zu haben, und ein gemiſchtes Ge⸗ fühl drängte ſich bei ſeinem Anblick auf, neugieriges Mitleid ſchien ſich mit zweifelhafter Furcht ſtreiten zu wollen.

Kaum hatte des Fremden glühendſchwarzes Auge Ida ge⸗ troffen, als ſie ihren Blick abwandte. Ueberraſchung und Ver⸗ legenheit machten ſie ſtumm auf einige Augenblicke; von dem Diadem auf der ſchönen Stirne, über den Lilienſammt der blühen⸗ den Wange, bis herab auf den jugendlichen Alabaſterbuſen flog ein brennendes Roth, das der Hofrath nicht unbemerkt ließ. Er wollte ſie mit dem pfiffigſten Geſichte nach der Urſache ihres Roth⸗ werdens fragen, aber eine Unzahl Herren drängte ſich zu, ſie um einen Tanz zu bitten; Vettern und Baſen freuten ſich, ſie wieder zu ſehen und gafften das Wunderkind an. Der Hofrath aber, welchem daran lag, die Spur, die er aufgefunden zu haben meinte, zu verfolgen, machte ſeine Bewegungen wie ein geübter Feldherr; er fragte ſie ſo laut als möglich, ob es ihr jetzt, wie ſie gewünſcht, gefällig ſei, zu ihrem Herrn Vater zu gehen, der im dritten Zimmer ſich zu einem Whiſtchen geſetzt habe, und Pfiffköpfchen verſtand gleich, wo der gute Alte hinaus wollte; ſie beurlaubte ſich alſo mit großer Haſt von dem ungehenern Ko⸗ metenſchweif, in welchem ſie als Kern geſeſſen, und ging mit Berner durch den Saal.

Und jetzt nahm ſie Berner ins Gebet; zuerſt ſetzte er die Daumenſchrauben des Spottes an, dann unterſuchte er die ver⸗ meintliche Herzenswunde ſeines Gold⸗Idchens mit der langen Sonde des väterlichen Ernſtes, indem er ihr vorwarf, ſehr un⸗ klug gethan zu haben, ihre Reſidenzliebhaber mit nach Freilingen zu nehmen. Sie aber lachte dem Rathgeber, welcher meinte, ſeine Sache recht gut gemacht und ſie ganz im Netz zu haben, ins Geſicht und wiſchte ihm aus.

W. Hauſſ's Werke. ll. 5