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„Ei ſeh' doch einer! Aber daß ich weiter ſage: ich hatte eine große Freude, ſie wieder zu ſehen, denn ich be⸗ ſuchte meine Schweſter häufig in Lichtenſtein, und habe das Fräulein gekannt, als man ſie noch in ihres Va⸗ ters Schwertkuppel gehen lehrte. Aber ich hätte ſie kaum wieder erkannt, ſo groß war ſie geworden, und die rothen Wangen ſind auch weg, wie der Schnee am erſten Mai. Ich weiß nicht, wie es ging, aber mich dauerte ihr Anblick in der Seele, und ich mußte fra⸗ gen, was ihr fehle, und ob ich ihr nicht etwas helfen könne? Sie beſann ſich eine Weile und ſagte dann: „„Ja, wenn Du verſchwiegen wäreſt, Hans, könnteſt Du mir wohl einen großen Dienſt leiſten!““ Ich ſagte zu, und ſie beſtellte mich nach der Veſper.“
„Aber wie kommt ſie nur in das Kloſter?“ fragte Georg.„Sonſt darf ja doch kein Weiberſchuh über die Schwelle.“
„Der Abt iſt mit ihrem Vater befreundet, und da ſo viel Volk in Blaubeuren liegt, ſo iſt ſie dort beſſer aufgehoben als im Städtchen, wo es toll genug zugeht. Nach der Veſper, als Alles ſtill war, kam ſie ganz leiſe in den Kreuzgang. Ich ſprach ihr Muth zu, wie es eben unſer eins verſteht, da gab ſie mir dies Bläͤtt⸗ chen, und bat mich, Euch aufzuſuchen.“
„Ich danke Dir herzlich, guter Hans,“ ſagte der Jüngling.„Aber hat ſie Dir ſonſt nichts an mich auf⸗ getragen?“
„Ja,“ antwortete der Bote,„mündlich hat ſie mir noch etwas aufgetragen; Ihr ſollt Euch hüten, man habe etwas mit Euch vor.“
W. Hauffs Werkk. XIV. 3


