Teil eines Werkes 
14. Bändchen (1846) Sämmtliche Werke
Entstehung
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dem er die breiten, ſchwarzen Kniegürtel, womit er ſeine ledernen Beinkleider umwunden hatte, aufloͤste und einen Streifen Pergament hervorzog.

Mit haſtiger Freude nahm Georg das Pergament; es waren wenige Worte mit glänzendſchwarzer Dinte geſchrieben; den Zügen der Schrift ſah man aber an, daß ſie einige Mühe gekoſtet haben mochten, denn die Mädchen von 1519 waren nicht ſo flink mit der Feder,

um ihre zärtlichen Gefühle auszudrücken, als die in unſeren Tagen, wo jede Dorfſchöne ihrem Geliebten zum Regiment eine Epiſtel, ſo lang als die dritte St. Johannis, ſchreiben kann. Die Chronik, woraus wir dieſe Hiſtorie genommen, hat uns jene Worte aufbe⸗ wahrt, welche Georgs gierige Blicke aus den verwor⸗ renen Zügen des Pergaments entzifferten:

Bedenk' Deinen Eid, Flieh' bei Zeit. Gott Dein Geleit. Marie Dein in Ewigkeit.

Es liegt ein frommer, zarter Sinn in dieſen Wor⸗ ten; und wer ſich ein liebendes Herz dazu denkt, wie es mit dieſen Zeilen in die Ferne fliegen möchte, ein Auge voll Zärtlichkeit, umflort von einem Schleier ſtiller Thränen, einen holden Mund, der das Blättchen

noch einmal küßt, verſchämte Wangen, die bei dieſem

geheimnißvollen Gruße erröthen, wer dies hinzudenkt, der wird es Georg nicht verargen, daß er einige Augen⸗ blicke wie trunken war. Ein freudiger, glänzender

Blick nach den fernen blauen Bergen hin, dankte der

Geliebten für ihren tröſtenden Spruch; und wahrlich, er war auch zu keiner andern Zeit nöthiger geweſen,