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wirſt reichen Erſatz finden für den armen Georg, wenn er es der Mühe werth hält, mein Bild aus Deinem Herzen zu verdrängen.“
„Wahrlich, dieſer kleinlichen Eiferſucht habe ich Dich nicht fähig gehalten,“ antwortete Marie, indem ſie ſich mit Thränen des Unmuths, im Gefühl gekränk⸗ ter Würde abwandte.„Glaubſt Du denn, das Herz eines Mädchens könne nicht auch warm für die Gache ihres Vaterlandes ſchlagen?“
„Sei mir nicht böſe,“ bat Georg, der mit Reue und Beſchämung einſah, wie ungerecht er ſei,„gewiß, es war nur Scherz!“
„Und kannſt Du ſcherzen, wo es unſer ganzes Lebensglück gilt?“ entgegnete Marie.„Morgen will der Vater Ulm verlaſſen, weil der Krieg entſchieden iſt! Wir ſehen uns vielleicht lange, lange nicht mehr, und Du magſt ſcherzen? Ach, wenn Du geſehen hätteſt, wie ich ſo manche Nacht mit heißen Thränen zu Gott flehte, er möge Dein Herz hinüber auf unſere Seite lenken, er möge uns vor dem Unglück bewahren, auf ewig getrennt zu ſein, gewiß, Du könnteſt nicht ſo grauſam ſcherzen!“
„Er hat es nicht zum Heil gelenkt,“ antwortete Georg, düſter vor ſich hinblickend.
„Und ſollte es nicht noch möglich ſein?“ ſprach Marie, indem ſie ſeine Hand faßte und mit dem Aus⸗ druck bittender Zärtlichkeit, mit der gewinnenden Sanftmuth eines Engels ihm ins Auge ſah.„Sollte es nicht noch möglich ſein? Komm mit uns, Georg wie gerne wird der Vater einen jungen Streiter ſeinem


