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„Seid ſtill und weckt ibn nicht! Er wird es nur zu frühe erfahren,“ entgegnete ihm Jener, indem er auf die andere Seite der Stube deutete.
Georg ſah dorthin. An einem Fenſter der Seite, die gegen den jähen Abgrund liegt, ſaß der geächtete Mann. Er hatte den Arm auf das Simms geſtützt, die ſorgenvolle Stirne, das von Wachen müde Auge lag in der tapferen Hand— er ſchlummerte. Sein grauer Mantel war über die Schulter herabgefallen und ließ ein abgetragenes, unſcheinbares Lederkoller ſehen, in das die kräftige Geſtalt gehüllt war. Sein grauſes Haar fiel nachläſſig um die Schläfe, und einige Büſche des gerollten Bartes quollen unter der Hand hervor.
Zu ſeinen Füßen lag ſein großer Hund. Er hatte ſeinen Kopf auf den Fuß ſeines Herrn gelegt, ſeine treuen Augen hingen theilnehmend an dem Haupt des Geächteten. 3
„Er ſchläft,“ ſagte der Alte und zerdrückte eine Thräne in den Augen.„Die Natur fordert die Schuld an den Körper und umhüllt die Seele mit einem wohl⸗ thätigen Schleier. Er athmet leicht. O daß es beruhi⸗ gende Träume wären, die ihm vorſchweben! Die Wirk⸗ lichkeit iſt ſo traurig, wer ſollte ihm nicht wünſchen, daß er ſie im Traume vergißt!“
„Es iſt ein hartes Schickſal!“ erwiderte Georg, indem er wehmüthig auf den Schlafenden blickte.„Ver⸗ trieben von Haus und Hof, geächtet, in die Wüſte hinausgejagt! Sein Leben jedem Buben preisgegeben, der in der Ferne ſeinen Bolz auf ihn anlegt! Bei Tag
unter der Erde, bei Nacht wie ein Dieb umherſchleichen
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