412
„Der Geächtete?“ fragte Georg ſtaunend,„wie kann er es wagen, noch bei Tag hier zu ſein? Iſt er krank geworden?“
„ Nein!“ antwortete Marie, indem von Neuem Thränen in ihren Wimpern hingen.„Nein! Es muß
in dieſer Stunde noch ein Bote von Tübingen anlangen,
und dieſen will er erwarten. Wir haben ihn gebeten,
beſchworen, er möchte doch vor Tag hinabgehen, er hat nicht darauf gehört. Hier will er ihn erwarten.“
„Aber könnte denn der Bote nicht auch in die Höhle
hinabkommen?“ warf Georg ein.„Er ſetzt ſich ja um⸗
ſonſt dieſer Gefahr aus.“ „Ach Du kennſt ihn nicht, das iſt ſein Trotz; wenn er ſich einmal etwas in den Kopf geſetzt hat, ſo geht er
nicht mehr davon ab. Und nur zu leicht wird er miß⸗
trauiſch; deßwegen konnten wir ihm nicht ſehr zureden, wegzugehen; er hätte glauben können, wir thun es nur wegen uns. Sein Hauptgrund zu bleiben iſt, daß er ſich gleich mit dem Vater berathen will, ſobald er Nach⸗ richt bekommt.“
Sie waren während dieſer Rede an die Thüre der
Herrenſtube gekommen, Marie ſchloß ſo leiſe als mög⸗
lich auf und trat mit Georg ein.
Die Herrenſtube unterſchied ſich von dem großen Gemache im obern Stock nur dadurch, daß ſie kleiner war. Auch ſie hatte die Ausſicht nach drei Seiten, durch Fenſter mit kleinen runden Scheiben, durch welche ſich die Morgenſonne in vielfarbigen Strahlen brach. Decke und Wände umzog ein Getäfer von ſchwarzbraunem Holz, mit farbigen Hölzern kunſtreich ausgelegt. Einige


