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Er war zu ſtolz, ſich aufzudrängen, er wartete von Nacht zu Nacht, ob man ihn nicht herabrufen werde, jenen Mann zu ſpreche es geſchah nicht. Er be⸗ ſchloß, wenigſtens einmal uneingeladen zuzuſehen, wie der Fremde in die Burg komme, und betrachtete ſich deßwegen die Gelegenheit genau. Seine Kammer,
wohin er regelmäßig um acht Uhr geführt wurde, lag
gegen das Thal hinaus, gerade entgegengeſetzt der Seite, wo die Brücke über den Abgrund führte. Von hier war es alſo nicht möglich, ihn kommen zu ſehen. Das große Zimmer im zweiten Stock, das nicht weit entfernt von ſeiner Kammer lag, wurde jede Nacht abgeſchloſſen, von dort aus konnte er alſo auch nicht hinabſehen. Auf dem Vorplatz, der die Kammern umher und den Saal verband, gingen zwar zwei Fenſter gegen die Brücke hinaus, ſie waren aber vergittert und hoch, ſo daß man zwar ins Freie hinüber, aber nicht hinab auf die Brücke ſehen konnte.
Es blieb ihm daher nichts übrig, als ſich irgendwo zu verbergen, wenn er den nächtlichen Beſuch ſehen wollte. Im erſten Stock war dies nicht möglich, weil dort ſo viele Leute wohnten, daß er leicht entdeckt werden konnte. Doch als er den Thorweg und die Ställe muſterte, die unter dem Schloß in den Felſen gehauen waren, bemerkte er an der Zugbrücke eine Niſche, die von den Thorflügein bedeckt wurde, welche man nur, wenn der Feind vor den Thoren war, verſchloß. Dies war der Ort, der ihm Sicherheit und zugleich Raum genug zu gewähren ſchien, um zu beobachten, was um ihn her vorging. Links vor der Niſche ſchloß ſich


