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Munde führte.„Gerade ſo wußtet Ihr es in Tübingen zu machen. Stand ich am Jörgenbrunnen, ging ich von der Burgſteig hinab auf den Markt, richtig rief es hinter mir:„Guten Morgen, Frau Roſalie, und wie geht es dem Fräulein?“ Und wie oft und reich habt Ihr mich dort beſchenkt; wenigſtens zwei Drittheile von dem Rock, den ich hier trag', verdank ich Eurer Gnade!“
„Laßt das, gute Frau,“ unterbrach ſie Georg. „Und was den Herrn betrifft, ſo wirſt du—*
„Was meint Ihr!“ erwiderte ſie, indem ſie die Augen halb zudrückte.„Habe Euch in meinem Leben nicht geſehen. Nein, da könnt Ihr Euch darauf ver⸗ laſſen Was ich nicht weiß, macht mir nicht heiß, und was mich nicht brennt, das blaſe ich nicht!“
Sie verließ bei dieſen Worten das Zimmer und ſtieg in den erſten Stock hinab, um dort in der Küche ihr Regiment zu verwalten.
Dankbar und freudig zog ſie den Thaler aus der Ledertaſche und beſah ihn hin und her; ſie pries bei ſich die Freigebigkeit des wackern Junkers, und be⸗ dauerte ihn im Stillen, daß ſeine Liebe ſo ſchlecht ver⸗ golten werde, denn daß es ihr Fraulein mit einem Andern habe, war ihr ausgemachte Sache. Vor der Küche ſtand ſie gedankenvoll ſtill. Sie war im Zweifel mit ſich, ob ſie der Sache ihren Lauf laſſen ſolle, oder ob es nicht beſſer wäre, dem Junker einige Winke über den nächtlichen Beſucher zu geben?„Doch, kommt Zeit, kommt Rath, vielleicht ſieht er es ſelbſt und braucht mich nicht dazu. Überdies— ein Rather in zweier Feinde Mitten, kann es leicht mit beiden verſchütten; man kann


