Teil eines Werkes 
16. Bändchen (1846) Sämmtliche Werke
Entstehung
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Sollte er wohl bei Tag hier ſein, weil der Alte ausgeritten? dachte ſie. Die natürliche Menſchenliebe und ein zartes Mitgefühl zog ihr Auge und, Ohr ans Schlüſſelloch, und ſie vernahm in abgebrochenen Wor⸗ ten den Streit, deſſen Zeugen auch wir geweſen find.

Der junge Mann hatte die Thüre ſo raſch geöffnet, daß ſie nicht mehr Zeit gehabt hatte, ſich zu entfernen, ſondern kaum noch aus ihrer gebückten Stellung am Schlüſſelloch auftauchen konnte. Doch ſie wußte ſich zu helfen in ſolchen mißlichen Fällen, ſie ließ Georg nicht an ſich vorüber, ließ Beide nicht zum Wort kommen, ſie ergriff die Hände des jungen Mannes und über⸗ ſtrömte ihn mit einem Schwall von Worten:

Ei, du meine Güte! Hätt' ich glaubt, daß meine alten Augen den Junker von Sturmfeder noch ſchauen würden! Und ich mein', Ihr ſind noch ſchöner worden und größer, ſeit ich Euch nimmer ſah! Hätt' ich das gewußt! Steh' da, wie ein Stock an der Thür', denke, ei! Wer ſpricht jetzt mit dem gnädigen Fräulein? Der Herr iſt's nicht. Von den Knechten iſt's auch keiner! Ei was man nicht erlebt! Jetzt iſt's der Junker Georg, der da drin ſpricht!

Georg hatte ſich während dieſer Rede der Frau Roſel vergeblich von ihr loszumachen geſucht. Erfühlte, daß es ſich nicht gezieme, vor ihr zu zeigen, daß er auf Marien zürne, und doch glaubte er keinen Augenblick mehr bleiben zu können. Er rang endlich eine Hand aus der knöchernen Fauſt der Alten, aber indem er ſie frei fühlte, hatte ſie auch ſchon Marie ergriffen, hatte ſie, ohne auf Frau Roſels höhniſches Licheln zu ach⸗

W. Hauffs Werke, XVI. 7