79 Es iſt vielleicht jene Ecke, dachte Georg lächelnd, wo
ſie in kindiſcher Geſchäftigkeit, was ſie von den Bro⸗ ſamen der Küche erbeuteté, zu Speiſen von eigener Erfindung bereitete, wo ſie das hölzerne Weſen, das ein Knecht kunſtreich ſchnitzelte, und die Amme mit einigen bunten Fetzen behängt hat, für ein wackeres 6 Kind hält und es mit wichtiger Miene zu füttern gedenkt.
Und dann jene anmuthsvolle Stufe zwiſchen Kind 8 und Jungfrau! Wo iſt wohl das ſtille Plätzchen, wo ſich das fünfzehnjährige Fräulein, wenn ſie in Garten und Feld nach Kinderweiſe getobt hatte, ſich ernſt und feierlich hinſetzte, die Kunkel zur Hand nahm und goldene Fäden zog, während ihr der Vater von der Mutter und von den Tagen ſeiner Jugend erzählte, oder durch weiſe Lehren und gewichtige Sprüche den Geiſt der Jungfrau zu erheben ſuchte?
Wo iſt das Lieblingsfenſter, wohin ſie ſich, immer höher und ſchöner heranwachſend, gerne ſetzte und mit unbewußter, dunkler Sehnſucht in die Ferne ſah, über das Leben und ihre eigene Zukunft nachſann und ſich in freundliche Träume verſenkte?
Es war ihm ſo heimiſch, ſo wohl in dieſem Hauſe, es war ihr Geiſt, der hier waltete, der ihn um⸗ ſchwebte, den er, ob ſie auch fern war, freundlich begrüßte. Dieſes Gärtchen, auf einem ſchmalen Raum am Felſen, hatte ſie beſorgt und gepflegt, dieſe Blumen, die in einem Topf auf dem Tiſche ſtanden, hatte ſie vielleicht heute ſchon gepflückt. Er ging hin, dieſe Zeichen ihres freundlichen Sinnes zu begrüßen.


