62
Heu zum Morgenbrod reichte, und dann ging es wei⸗ ter den Berg hinan. Sie waren erſt wenige Schritte vorgerückt, als der Klang einer Glocke aus dem Thal herauftönte und die feierliche Stille des Morgens un⸗ terbrach; eine andere antwortete, drei bis vier ſtimm⸗ ten ein, bis die melodiſchen Töne von wenigſtens zwölf Glocken von den Höhen umher und aus den Thälern aufſtiegen. überraſcht hielt der junge Mann ſein Pferd an:„Was iſt das?“ rief er.„Brennt es ir⸗ gendwo, oder wie, ſollten wir heute ein Feſt im Ka⸗ lender haben? Weiß Gott, ich bin durch meine Krank⸗ heit ſo aus aller Zeit heraus gekommen, daß ich den Sonntag nur daran erkenne, daß die Mädchen neue Röcke und friſche Schürzen anhaben.“
„Es iſt wohl ſchon manchem Kriegsmann ſo gegan⸗ gen,“ antwortete Hans, der Spielmann;„ich ſelbſt habe mich oft erſt auf die Zeit beſinnen müſſen, wenn ich wichtigere Dinge im Kopf hatte als Meſſ und Pre⸗ digt; aber heute iſt es ein anderes Ding,“ ſetzte er ern⸗ ſter hinzu und ſchlug ein Kreuz,„heut iſt Charfreitag. Gelobt ſei Jeſus Chriſtus!“
„In Ewigkeit!“ erwiderte der Jüngling.„Es iſt das erſtemal in meinem Leben, daß ich den Tag nicht würdig begehe, wie ich ſoll, und dieſer Tag erinnert mich an manche ſchöne Stunde meiner Kindheit. Da⸗ mals lebte noch mein Vater; ich hatte eine ſanfte, gute Mutter und ein ganz kleines Schweſterlein. Wir Beide freuten uns immer, wenn der Charfreitag kam; wir wußten nichts von der Bedeutung des Tages, aber wir rechneten dann, daß es nur noch zwei Tage bis Oſtern


