Teil eines Werkes 
16. Bändchen (1846) Sämmtliche Werke
Entstehung
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Zeit alle Knechte vom Thore entfernt ſind und nur der alte Burgwart, der ihr auch in ihrer Kindheit zu allen loſen Streichen half, um den Weg iſt. Da kommt ſie nun allemal, wenn es drüben in Holzelfingen elf Uhr ſchlägt, ſelbſt herunter in den Hof, die Nacht mag ſo

kalt ſein als ſie will, und bringt den Schlüſſel zur

Zugbrücke, den ſie zuvor ihrem alten Vater vom Bette ſtiehlt. Dann ſchließt der alte Sünder, der Burgwart, auf, die Brücke fällt nieder und der Mann im grauen Mantel eilt in die Arme des Fräuleins.

Und dann? fragte Georg, der beinahe keinen Athem mehr in der Bruſt, kein Blut mehr in den Wan⸗ gen hatte,und dann?

Ja, dann wird Braten, Brod und Wein geholt. So viel iſt gewiß, daß der nächtliche Liebſte einen un⸗ geheuern Hunger haben muß, denn er hat in mancher Nacht einen halben Rehziemer rein aufgezehrt und zwei, drei Nöſel Wein dazu getrunken. Was weiter geſchieht, weiß ich nicht. Ich will nichts vermuthen, nichts ſagen, aber das weiß ich, ſetzte ſie mit einem chriſtlichen Blick gen Himmel hinzu,beten werden ſie nicht.

Georg ſchalt ſich nach kurzem Nachdenken ſelbſt aus, daß er nur einen Augenblick gezweifelt habe, daß dieſe Erzählung eine Lüge, von irgend einem müßigen Kopf

erſonnen ſei. Oder wenn auch etwas Wahres daran

wäre, ſo konnte es doch nichts ſein, das Marien zur Unehre gereicht hätte. Wenn es wahr iſt, daß die Liebe eines Jünglings

in den guten alten Zeiten zwar nicht weniger leiden⸗

ſchaftlich war als in unſeren Tagen, aber mehr den