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Wirthin gerade von Marien ſo Arges denken, daß ſie den Vater glücklich pries, wenn er dieſes Kind nicht hätte?„Was iſt es denn mit dieſem Fräulein?“ fragte er, indem er ſich vergebens abmühte, recht ſcherzhaft auszuſehen:„Ihr macht mich neugierig, Frau Wir⸗ thin. Oder iſt es ein Geheimniß, das Ihr nicht ſagen dürft?“
Die Frau zum goldenen Hirſch ſchaute aus dem Erker heraus nach allen Seiten, ob Niemand lauſche. Aber die Bürger waren ruhig in ihrem Geſpräch be⸗ griffen und achteten nicht auf ſie, und ſonſt war Nic⸗ mand in der Nähe, der ſie hören konnte.„Ihr ſeid ein
Fremder,“ hub ſie nach dieſen Forſchungen an,„ Ihr
reiſet weiter und habt nichts mit dieſer Gegend zu ſchaf⸗ fen, darum kann ich Euch wohl ſagen, was ich nicht Jedem vertrauen möchte. Das Fräulein dort oben auf dem Lichtenſtein iſt ein— ein— ja bei uns Bürgers⸗ leuten würde man ſagen, ſie iſt ein ſchlechtes Ding, eine loſe Dirne—
„Frau Wirthin!“ rief Georg.
„So ſchreiet doch nicht ſo, verehrter Herr Gaſt, die Leute ſchauen ſich ja um. Meinet Ihr denn, ich ſage, was ich nicht ganz gewiß weiß? Denkt Euch, alle Nacht, Schlag elf Uhr, läßt ſie ihren Liebſten in die Burg. Iſt
das nicht ſchrecklich genug für ein ſittſames Fräulein?“
„Bedenket, was Ihr ſprechet! Ihren Liebſten?⸗
„Ja leider, Nachts um elf Uhr ihren Liebſten. Es iſt eine Schande und ein Spott! Es iſt ein ziemlich gro⸗ ßer Mann, der kommt in einen grauen Mantel gehüllt ans Thor. Sie hat es zu machen gewußt, daß zu dieſer


