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Kleides beſchreiben würde. Er fragte daher nach den Burgen umher und nach den ritterlichen Familien, die in der Nachbarſchaft wohnen.
Die Wirthin ſchwatzte gerne. Sie gab ihm in we⸗ niger als einer Viertelſtunde die Chronik von fünf bis ſechs Schlöſſern aus der Gegend und bald kam auch Lichtenſtein an die Reihe. Der junge Mann holte tiefer Athem bei dieſem Namen und ſchob die Schüſſel weit hinweg, um ſeine Aufmerkſamkeit ganz der Erzählerin zu widmen.
„Nun, die Lichtenſteiner ſind gar nicht arm, im Ge⸗ gentheil, ſie haben ſchöne Felder und Wälder und keine Ruthe Landes verpfändet. Da ließe ſich der Alte lieber ſeinen langen Bart abſcheeren, obgleich er gar viel dar⸗ auf hält und ihn immer ſtreichelt, wenn er mit den Leuten ſpricht. Er iſt ein ſtrenger, ernſter Mann. Was er einmal haben will, das muß geſchehen, und ſollte es biegen oder brechen. Er iſt auch einer von denen, die es ſo lange mit dem Herzog hielten. Die Bündi⸗ ſchen werden es ihn übel entgelten laſſen. 24
„Wie iſt denn ſeine..., ich meine, Ihr ſagtet, er habe eine Tochter, der Lichtenſtein?
„Nein,“ antwortete die Wirthin, indem ſich ihr ſonſt ſo heiteres Geſicht in grämliche Falten zog,„von der habe ich gewiß nicht geſprochen, daß ich es wüßte. Ja, er hat eine Tochter, der gute alte Mann, und es wäre ihm beſſer, er führe kinderlos in die Grube, als daß er aus Jammer über ſein einziges Kind ab⸗ fährt.“¹ Georg traute ſeinen Ohren nicht. Was konnte die


