Teil eines Werkes 
15. Bändchen (1846) Sämmtliche Werke
Entstehung
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Georg nahm gerührt Abſchied von der ſtattlichen, runden Frau, die ihm zu Ehren heute noch einmal in ihrem Sonntagsſtaat prangte; er hatte in den ge⸗ ſchnitzten Schrank einen Goldgulden gelegt, ein wichtiges Geſchenk für die damalige, Zeit, und eine bedeutende Summe für die Reiſekaſſe Georgs von Sturmfeder. Der Pfeifer von Hardt ſoll übrigens nie etwas von dieſem Depoſitum erfahren haben; ſei es nun, daß die gute runde Frau den Goldgulden nicht gefunden hat, oder daß ſie ihrem Eheherrn nichts davon berichtete, aus Angſt, er möchte den Junker durch die Rückgabe des Geſchenkes beleidigen. Nur ſo viel iſt gewiß, daß die Frau des Spielmanns kurze Zeit nach dieſem Vor⸗ fall mit einem nagelneuen Rock in der Kirche erſchien, zur Verwunderung aller Weiber in der Gegend, und daß ihre Tochter Bärbele ein ſchönes Mieder von fei⸗ nem Tuch mit Goldborden auf der nächſten Kirchweih trug, das man früher nie an ihr geſehen. Auch ſoll ſie jedesmal erröthet ſein, wenn die Mädchen das neue Mieder befühlten und lobten. Welch großen Staat konnte man in den guten Zeiten um einen Goldgulden machen!

Georg fand ſeine Führerin auf dem bezeichneten Markſtein ſitzend. Sie ſprang auf, als er herankam, und ging mit raſchen Schritten neben ihm her. Das Mädchen kam ihm heute noch viel hübſcher vor als geſtern. Ihre Wangen hatte der friſche Aprilmorgen mit hohem Roth bedeckt, und ihre Augen glänzten freundlich. Ihre Tracht eignete ſich ganz gut zu einem weiten Marſch, denn das kurze Roͤckchen hinderte den