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vezier, noch mehr aber für einen Storchen wäre, ſich vor Geſpenſtern zu fürchten! Mir iſt ganz unheimlich zu Muth, denn hier neben hat es ganz vernehmlich geſeufzt und geſtöhnt.“ Der Kalif blieb nun auch ſtehen, und hörte ganz deutlich ein leiſes Weinen, das eher einem Menſchen als einem Thiere anzugehören ſchien. Voll Erwartung wollte er der Gegend zugehen, woher die Klagetöne kamen; der Vezier aber packte ihn mit dem Schnabel am Flügel, und bat ihn flehent⸗ lich, ſich nicht in neue, unbekannte Gefahren zu ſtürzen. Doch vergebens! Der Kalif, dem auch unter dem Storchenflügel ein tapferes Herz ſchlug, riß ſich mit Verluſt einiger Federn los und eilte in einen fin⸗ ſtern Gang. Bald war er an einer Thüre angelangt, die nur angelehnt ſchien, und woraus er deutliche Seufzer, mit ein wenig Geheul, vernahm. Er ſtieß mit dem Schnabel die Thüre auf, blieb aber überraſcht auf der Schwelle ſtehen. In dem verfallenen Gemach, das nur durch ein kleines Gitterfenſter ſpärlich er⸗ leuchtet war, ſah er eine große Nachteule am Boden ſitzen. Dicke Thränen rollten ihr aus den großen run⸗ den Augen, und mit heiſerer Stimme ſtieß ſie ihre Klagen aus dem krummen Schnabel heraus. Als ſie aber den Kalifen und ſeinen Vezier, der indeß auch herbeigeſchlichen war, erblickte, erhob ſie ein lautes Freudengeſchrei. Zierlich wiſchte ſie mit dem braun⸗ gefleckten Flügel die Thränen aus dem Auge, und zu dem großen Erſtaunen der Beiden rief ſie in gutem menſchlichen Arabiſch:„Willkommen ihr Störche, ihr ſeid mir ein gutes Zeichen meiner Errettung, denn
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