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dann den lieblichen Mädchen bunte Kränze flechten, und die wilden Knaben werden ſtiller, wenn ich auf hoher Felſenſpitze mich zu ihnen ſetze, aus der Nebel⸗ welt der fernen blauen Berge hohe Burgen und glän⸗ zende Paläſte auftauchen laſſe, und aus den röthlichen Wolken des Abends kühne Reiterſchaaren und wunder⸗ liche Wallfahrtszüge bilde.“
„O die guten Kinder!“ rief Mährchen bewegt aus. „Ja, es ſei! Mit ihnen will ich es noch einmal ver⸗ ſuchen.“
„Ja, Du gute Tochter,“ ſprach die Konigin. „Gehe zu ihnen; aber ich will Dich auch ein wenig ordentlich ankleiden, daß Du den Kleinen gefällſt und die Großen Dich nicht zurückſtoßen; ſiehe, das Ge⸗ wand eines Almanach will ich Dir geben.“
„Eines Almanach, Mutter? Ach!— ich ſchäme mich, ſo vor den Leüten zu prangen.“
Die Köoͤnigin winkte und die Dienerinnen brachten das zierliche Gewand eines Almanach. Es war von glänzenden Farben und ſchöne Figuren eingewoben.
Die Zofen flochten dem ſchönen Mädchen das lange Haar; ſie banden ihr goldene Sandalen unter die Füße und hingen ihr dann das Gewand um.
Das beſcheidene Mährchen wagte nicht aufzublicken, die Mutter aber betrachtete ſie mit Wohlgefallen und ſchloß ſie in ihre Arme:„Gehe hin,“ ſprach ſie zu der Kleinen;„mein Segen ſei mit Dir. Und wenn ſie Dich verachten und höhnen, ſo kehre zurück zu mir, wielleicht daß ſpätere Geſchlechter, getreuer der Natur, ihr Herz Dir wieder zuwenden.“


