102
„Iſt er ein Ritter, dieſer Wächter,“ fragte Lich⸗ tenſtein, indem ſich ſeine Stirne in finſtere Falten zog. „Ich hoffe, man wird auf unſeren Stand Rückſicht ge⸗ nommen haben, und uns ein anſtändiges Geleite geben?“
„Ein Ritter iſt er nicht,“ antwortete Frondsberg lächelnd,„doch iſt er ein anſtändiges Geleite; Ihr wer⸗ det Euch ſelbſt davon überzeugen.“ Er lüftete bei die⸗ ſen Worten den Vorhang des Zeltes und es erſchienen die holden Züge Mariens; mit dem Weinen der Freude ſtürzte ſie an die Bruſt ihres Gatten, und der alte Va⸗ ter ſtand ſtumm vor Überraſchung und Rührung, küßte ſein Kind auf die ſchöne Stirne und drückte die Hand des biedern Frondsberg.
„Das iſt Euer Wächter,“ ſprach dieſer,„und der Lichtenſtein die Veſte, wo ſie Euch gefangen halten ſoll. Ich ſehe es ihren Augen an, ſie wird den jungen Herrn nicht zu ſtrenge halten, und der Alte wird ſich nicht über ſie beklagen koͤnnen; doch rathe ich Euch, Töchterchen, habet ein wachſames Auge auf die Gefangenen, laſſet ſie nicht wieder von der Burg, geſtattet nicht, daß ſie wieder Verbindungen mit gewiſſen Leuten anknüpfen; Ihr haftet mit Eurem Kopf dafür.“
„Aber, lieber Herr,“ entgegnete Marie, indem ſie den Geliebten inniger an ſich drückte und lächelnd zu dem ſtrengen Herrn aufblickte;„bedenket, er iſt ja mein Haupt, wie kann ich ihm etwas befehlen?“
„Eben deßwegen hütet Euch, daß Ihr dieſes Haupt nicht wieder verlieret; bindet ihn mit einem Liebeskno⸗
ten recht feſt, daß er Euch nicht entlaufe, er ändert nur
gar zu leicht die Farbe; wir haben Beiſpiele.⸗


