Teil eines Werkes 
18. Bändchen (1846) Sämmtliche Werke
Entstehung
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über ihre lieblichſten Töchter in jeder Lage, in Trauer und Freude, den Zauber der Schönheit ausgießt, ſo war auch dieſe unnatürliche Haltung der Braut bei Marien zum gelungenſten Bild geworden: die zarte Röthe, die alle Augenblicke auf ihren Wangen wech⸗ ſelte, der ſüße Mund, in deſſen Winkeln ein Lächeln aufzukeimen ſchien, der feine, weiche Vorhang der ge⸗ ſenkten Lider, die zarten Franſen der dunkeln Wim⸗

pern, durch welche die blauen, glänzenden Augen wie

eine aufgehende Sonne kaum ſichtbar durchſchimmerten, ſie gaben ein Bild holder, verſchämter Liebe, die dem Geliebten die Arme öffnen, die ſeinen Namen mit den ſüßeſten Tönen ausſprechen, die die Augen aufſchlagen möchte, um ihm durch einen Blick ihre Wünſche zu verkünden; doch die mächtigere Natur, das verwirrende Gefühl der Beſchämung windet ihr die Hände nur noch feſter zuſammen, ſchlägt die zarte Hülle der Wim⸗ pern vor das glühende Auge herab und verſchließt den Mund, daß er nur heimlich und ſtille lächelt, aber das Geheimniß der Liebenden nicht ausſpricht Verſchwunden war die erhabene Haltung Mariens, verſchwunden die Majeſtät ihrer Stirne und jener ge⸗ bietende, ernſte Blick, der auch den Kühnſten gefeſſelt hätte; aber man war verſucht, jene erhabeneren Schön⸗ heiten nicht zurückzuwünſchen; lag doch in dieſem ver⸗ ſchämten Bekenntniß, durch einen Blick des Geliebten überwunden zu ſein, ein höherer Reiz, als wenn das ſtolze Auge frei um ſich geblickt und dieſer geſchloſſene Mund das Geſtändniß der Liebe laut und offen ausge⸗ ſprochen hätte. So hatte die Natur Marien an dieſem