40⁰
Lichtenſtein einige Minuten im Zimmer ſtand, ohne von ihnen bemerkt zu werden; er betrachtete mit großer Theilnahme die edlen Züge Ulerichs von Würtemberg. Er ſah, wie auf ſeiner Stirne, in ſeinen ſprechenden Augen ſo verſchiedene Empfindungen wechſelten. Bald runzelte ſich ſeine Stirne, ſeine Augenbrauen zuckten, ſein Auge rollte, dann glätteten ſich dieſe Falten, aus ſeinen Blicken ſtrahlte nur ein tiefer Ernſt, der in Nachdenken überging, und oft ſchien ein Anflug von Güte den ſtrengen Ausdruck ſeiner Züge zu mildern. Aber der im gelben Mäntelein, mit der Schwanenfeder in der Hand, ſtand wie der Verſucher vor ihm! Er wand und drehte ſich vor ihm, wie die Schlange im Paradies, und das ewig ſtehende Lächeln, der Ausdruck von Ehrlichkeit, den er ſeinen grünen Äuglein zu geben wußte, wenn ihn ſein Herr ſcharf anſah, ſollten ein⸗ laden, den Apfel anzubeißen.
„Ich kann nicht begreifen,“ ſprach ex mit heiſerer, feiner Stimme,„warum Ihr es nicht thun möget. Hat wohl Cäſar ſo lange gezaudert, als er über den Rubicon ging? Ein großer Mann hat große Mittel nöthig, und die Mitwelt und die Nachwelt wird Euch preiſen, daß Ihr dieſe Feſſeln von Euch geworfen.“
„Weißt Du dies ſo gewiß, Ambroſius Volland?“ entgegnete der Herzog, indem er ihn düſter anblickte. „Man wird ſagen: Herzog Ulerich war ein Tyrann. Er hat die alte Ordnung umgeſtoßen, die ſeinen Vätern heilig war, er hat den Vertrag, den er ſelbſt aufge⸗ richtet, gebrochen, er hat ſein Land wie ein fremdes behandelt, er hat die Geſetze nicht gehalten, die— 4


