93³
„Der Wind hat die Spuren ſeines Pferdes ver⸗ weht,“ fuhr ein Anderer fort,„aber ich habe ſie nicht vergeſſen.“
„Und zu unſerer Schande ſoll der noch leben und frei ſein, der Hand an ihn legte? Wann hat man je gehört, daß ein Vater den Tod ſeines einzigen Sohnes nicht rächte? Aber Selim wird alt und kindiſch.“
„Und wenn es der Vater unterläßt,“ ſagte ein Vierter,„ſo iſt es Freundespflicht, den gefallenen Freund zu rächen. Hier an dieſer Stelle ſollten wir ihn niederhauen. So iſt es Recht und Brauch ſeit den älteſten Zeiten.“
„Aber wir haben dem Alten geſchworen,“ rief ein Fünfter,„wir dürfen ihn nicht tödten, unſer Eid darf nicht gebrochen werden.“ 1
„Es iſt wahr,“ ſprachen die Andern,„wir haben geſchworen, und der Mörder darf frei aus den Händen ſeiner Feinde.“
„Halt!“ rief Einer, der Finſterſte unter Allen. „Der alte Selim iſt ein kluger Kopf, aber doch nicht ſo klug, als man glaubt; haben wir ihm geſchworen, dieſen Burſchen da oder dorthin zu bringen? Nein, er nahm uns nur den Schwur für ſein Leben ab, und dieſes wollen wir ihm ſchenken. Aber die brennende Sonne und die ſcharfen Zähne des Schakals werden unſere Rache übernehmen. Hier an dieſer Stelle wollen wir ihn gebunden liegen laſſen.“ So ſprach der Räu⸗ ber, aber ſchon ſeit einigen Minuten hatte ſich Said
auf das Außerſte gefaßt gemacht, und indem Jener noch die letzten Worte ſprach, riß er ſein Pferd auf die


