Teil eines Werkes 
12. Bändchen (1846) Sämmtliche Werke
Entstehung
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Die Sage vom Hirſchgulden.

In Oberſchwaben ſtehen noch heutzutage die Mauern einer Burg, die einſt die ſtattlichſte der Ge⸗ gend war, Hohenzollern. Sie erhebt ſich auf einem runden ſteilen Berg, und von ihrer ſchroffen Höhe ſieht man weit und frei ins Land. So weit und noch viel weiter, als man dieſe Burg im Land umher ſehen kann, ward das tapfere Geſchlecht der Zollern gefürchtet, und ihren Namen kannte und ehrte man in allen deutſchen Landen. Nun lebte vor mehren hundert Jahren, ich glaube das Schießpulver war kaum erfunden, auf dieſer Feſte ein Zollern, der von Natur ein ſonderbarer Menſch war. Man konnte nicht ſagen, daß er ſeine Unterthanen hart gedrückt oder mit ſeinen Nachbarn in Fehde gelebt hätte, aber dennoch traute ihm Niemand über den Weg ob ſeinem finſteren Auge, ſeiner krauſen Stirne und ſeinem einſilbigen, mürriſchen Weſen. Es gab wenige Leute außer dem Schloßgeſinde, die ihn je hätten ordentlich ſprechen hören, wie andere Menſchen; denn wenn er durch das Thal ritt, Einer ihm begegnete und ſchnell die Mütze abnahm, ſich hinſtellte und ſagte:Guten Abend, Herr Graf, heute iſt es ſchön Wetter, ſo antwortete er:Dummes Zeug, oder Weiß ſchon. Hatte aber Einer etwas nicht recht ge⸗ macht für ihn oder ſeine Roſſe, begegnete ihm ein Bauer im Hohlweg mit dem Karren, daß er auf ſeinem Rappen nicht ſchnell genug voruͤberkommen konnte, ſo entlud ſich ſein Ingrimm in einem Donner von Flüchen;