Teil eines Werkes 
5. Bändchen (1846) Sämmtliche Werke
Entstehung
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ſchienen etwas zu vermiſſen, zu ſuchen.Ob ſie wohl nach dem Geliebten ihre Blicke ausſendet? dachte der Fremde; ob ſie die Reihen muſtert, ihn zu ſehen, ihn mit einem verſtohlenen Lächeln, mit einem leiſen Beu⸗ gen des Hauptes, mit einem jener tauſend Zeichen zu begrüßen, welche ſtille Liebe erfindet, womit ſie ihre Lieblinge beglückt, bezaubert? Eine ſchnelle, leichte Röthe flog jetzt über Sophiens Züge, ſie rückte den Stuhl mehr ſeitwärts, ſie ſah einigemal nach der Thüre ihrer Loge: die Thüre ging auf, ein großer, ſchöner, junger Mann trat ein und näherte ſich einer der ältern Damen, es war die Herzogin F., die Mutter der Prinzeſſin. Sophie ſpielte gleichgültig mit der Brille, die ſie in der Hand hielt, aber der Fremde war Kenner genug, um in ihrem Auge zu leſen, daß dieſer und kein Anderer der Glückliche ſei.

Noch konnte er ſein Geſicht nicht ſehen; aber die Geſtalt, die Bewegungen des jungen Mannes hatten etwas Bekanntes für ihn; die Fürſtin zog ihre Tochter ins Geſpräch, ſie blickte freundlich auf, ſie ſchien etwas Pikantes erwidert zu haben, denn die Mutter lächelte, der junge Mann wandte ſich um, undmein Gott! Graf Zronievsky! rief der Fremde ſo laut, ſo ängſtlich, daß der Geſandte an ſeiner Seite heftig er⸗ ſchrak, und ſeine Gemahlin den Gaſt krampfhaft an

der Hand faßte, und neben ſich auf den Stuhl niederriß.

Ums Himmels willen, was machen Sie für Skan⸗ dal! rief die erzürnte Dame;die Leute ſchauen rechts und links nach uns her; wer wird denn ſo mörderiſch ſchreien? Es iſt nur gut, daß ſie da unten gerade eben