124 Sie mich beinahe in den Neckar warfen, ich bin ſo ſtill wie ein todter Hund.“ Beruhigt folgte Rantow dem Liebhaber; ſie hatten bald das Ende der Treppe erreicht und ſtanden nun auf einer Art von Vorſaal; die Reinlich⸗ keit und Zierlichkeit, die hier herrſchte, ließ ahnen, daß man ſich nicht mehr weit von Anna's Gemach befinde. Zwei Thüren gingen auf dieſen Vorplatz; ſie wählten auf gutes Glück die nächſte, pochten an— keine Antwort. Sie pochten wieder; jetzt that ſich die zweite Thüre auf, und Anna erſchien auf der Schwelle.
Sie erröthete, als ſie die beiden jungen Männer ſah, doch, als habe dieſer Beſuch nichts Auffallendes an ſich, lud ſie dieſelben durch einen freundlichen Wink ein, näher zu treten.„Ihr kommt wohl, um die ſchöne Ausſicht von meinem Thurm zu betrachten?“ ſagte ſie. „Jetzt erſt fällt mir bei,„daß Du nie hier warſt, Albert, aber ſo ganz bin ich an dieſen herrlichen Anblick gewöhnt, daß es mir nicht einmal einfiel, Dich hieher einzuladen.“
12.
Das Gemach war klein, die Geräthe gehörten einer früheren Zeit an, aber dennoch war alles ſo freundlich und geſchmackvoll geordnet, daß Rantow, nachdem er die Ausſicht geprüft, die nächſten Umgebungen gemuſtert, und alles recht genau angeſehen hatte, dieſes Zimmer für das ſchönſte im Schloß erklärte. Nur eine breite Kiſte, von ſchlechtem Holz zuſammengezimmert, die auf einer Komode ſtand, ſchien ihm nicht mit den übrigen Geräthſchaften zu harmoniren. So ungerne er die bei⸗


