115
ſichtbar, indem ſie den General beſorgt anblickte. „Das hat Niemand anders als Sie geſchrieben,“ ſagte ſie.„Warum denn gerade dieſes Lied? Es iſt nicht immer politiſch, ein politiſches Lied zu ſingen!“
„Wenn es nun aber mein Lieblingslied iſt!“ erwi⸗ derte Willi.„Ich appellire an Ihren Vater; ſtand nicht die Wahl durchaus frei?“
„Gewiß,“ antwortete der Alte,„Du ſingſt Anna; und wenn das Lied Politik enthalten ſollte— nun, erdichtete Politik kann man ja immer noch ertragen.“
Sie nickte ſchweigend Gehorſam zu. Aber von jenem Augenblick an, wo ſie mit einem kurzen, jedoch kräfti⸗ gen Vorſpiel den Geſang anhob, ſchien auf ihren lieb⸗ lichen Zügen eine Art von Begeiſterung aufzugehen. Eine zarte Röthe ſpielte auf ihren Wangen, ihre Augen glänzten, und um den ſchönen Mund, der die Tone ſo voll und rund hervorſtrömen ließ, ſpielte anfangs ein Lächeln, das mehr und mehr in Wehmuth überging. Es war eine franzöſiſche Ode, aus welcher ſie einige Stellen vortrug. Die Melodie, bald heiter ermunternd, bald erhaben und triumphirend, bald ernſt und getra⸗ gen, ſchmiegte ſich an das wechſelnde Versmaß und den Gedankengang der Strophen, und ſo ſüß war ihre Stimme, ſo ausdrucksvoll ihr Vortrag, ſo hinreißend ihr ganzes Weſen, das mit dem Geſang ſich zu ver⸗ ſchmelzen ſchien, daß die Männer, wenn ſie gleich über den Gegenſtand die verſchiedenſten Geſinnungen heg⸗ ten, doch von dem Strom der Töne mit fortgeriſſen wurden. Wie erhaben war ihr Vortrag, als ſie ſang:


