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und wenn Fälle eintraten, wo er dieſe Hülfe nicht ab⸗ weiſen konnte, wenn das ſchöne Kind bleich und mit Thränen im Auge vor ihm kniete, um ſeine Beine in warme Tücher zu hüllen, da wandte er ſich ab, pfiff irgend ein altes Liedchen, nanunte ſich einen Mann, der bald in die Grube fahren müſſe, und fand es ſchön, daß doch ein Enkel der Thierberge zugegen ſein werde, wenn man den Letzten dieſes Namens beiſetze.
Rantow wußte zwar, daß ſein Oheim das Gaſtrecht gegen ſeine Nachbarn nicht verletzen werde, aber dieſe letzten Tage fielen ihm ſchwer auf die Seele, als er die Fremden die Treppe hinan führte, und er ſah voraus, daß die beiden Willis gewiß nichts dazu beitragen wür⸗ den, die Verſtimmung aufzulöſen.
Der Empfang war übrigens herzlicher, als er ſich gedacht hatte. Es gibt eine gewiſſe höfliche Freundlich⸗ keit, die man ſich angewöhnen kann, ohne ſich deſſen bewußt zu werden. Beſonders auffallend erſcheint dieſe Eigenſchaft, wenn ſich Männer begrüßen, von welchen
wir wiſſen, daß ſie keiner Heuchelei fähig ſind, und die
dennoch, ſei es durch Meinungen, ſei es durch Ver⸗
hältniſſe, ſich feindlich gegenüber ſtehen. So ſchien es auch der alte Thierberg nicht über ſich vermögen zu
können, ſein gewohntes:„Ah! ſchön! ſchön! Freut
mich, Platz genommen!“ diesmal mit einem kälteren
und förmlicheren Gruß zu vertauſchen, und die fünfhun⸗ dertjährige Gaſtfreundſchaft dieſer Burg ſchien die un⸗ willkommenen Gäſte in ihre ſchützenden Arme zu ſchließen. Ein Blick von Anna hatte dem jungen Willi geſagt,
was hier vorgegangen ſei. Er fand ſie blaß, ihre Stimme


