106 Geſinnungen in ſich ſchlöſſe? Wird denn der einzelne Mann dadurch ſchlechter, daß er eine andere Meinung hat, als wir? Iſt nicht Proteſtant und Katholik in den Augen des Vernünftigen gleich viel werth? Denkt nicht der General ſelbſt ganz verſchieden von ſeinem Sohn?“
„Laß mir den Glauben aus dem Spiel, Neffe!“ entgegnete Jener.„Darüber zu richten, geht weder Dich noch mich an. Aber dieſer General vollends, der meinen Todfeind als Schutzpatron anbetet, und dieſen Bona⸗ parte für den heiligen Georg hält, der den Lindwurm des veralteten Jahrhunderts tödtete; dieſen in mei⸗ ner Familie! Es würde mich tödten!“
„Aber wiſſen Sie denn, ob auch der junge Willi Ihre Tochter liebt? Hat denn Anna irgend etwas ge⸗
ſtanden?“
Der Alte ſah ſeinen Neffen bei dieſer Frage lange und erſchrocken an; dann fuhr er nach einigem Nach⸗ ſinnen gefaßter fort.„Nein! Einer ſolchen Schmach
halte ich ſie nicht fähig, meinſt du, meine Tochter
werde ſich in einen ſolchen— Menſchen verlieben, ohne
daß er ſie zuvor mit tauſend Künſten dazu verlockte? Nein! Dazu iſt ſie mir noch immer zu gut; aber—
ich will mir Gewißheit verſchaffen!“ Er ſprach es, und noch ehe ihn Rantow aufhalten
konnte, eilte der alte Mann hinweg, um ſeine Tochter
zu Rede zu ſtellen. Düſter ſchaute ihm der Gaſt aus der Mark nach.„Wahrlich, wenn die Aktien ſo ſtehen, werde ich weder Brautführer noch Hochzeitsgaſt in Thier⸗ berg ſein,“ ſprach er;„der Alte müßte ſich denn durch


