Teil eines Werkes 
1. Bändchen (1846) Sämmtliche Werke
Entstehung
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Ihnen noch gut gehen auf Erden, und nehmen Sie die Mirtur recht fleißig, alle Stunden zwei Löffel voll! So ſprach der Doktor und ging. Die Sängerin aber dankte ihm durch ihre freundlichen Blicke. Sie war ruhiger und heiter; es war, als habe ſie eine große Laſt mit ihrem Geheimniß hinweggewälzt; ſie ſah ver⸗ trauungsvoller in die Zukunft, denn ein gütiges Ge⸗ ſchick ſchien ſich des armen Mädchens zu erbarmen.

8.

Der Baron Martinow, dem Lange früher einmal einen wichtigen Dienſt zu leiſten Gelegenheit gehabt hatte, nahm ihn freundlich auf, und gab ihm über die Sängerin Bianetti die genügendſten Aufſchlüſſe. Er beſtätigte nicht nur beinahe wörtlich ihre Erzählung, ſondern er brach auch in die lauteſten Lobeserhebungen ihres Charakters aus; ja er verſprach, wohin er in dieſer Stadt kommen würde, überall zu ihren Gunſten zu ſprechen und die Gerüchte zu widerlegen, die über ſie im Umlauf waren. Er hat auch Wort gehalten, denn hauptſächlich ſeinem Anſehen und der edelmüthi⸗ gen Art, womit er ſich der Italienerin annahm, ſchrie⸗ ben es ihre Freunde zu, daß die Geſinnungen des Pub⸗ likums über ſie in wenigen Tagen wie durch einen Zau⸗ berſchlag ſich änderten. Der Medieinalrath Lange aber ſtieg an jenem Tage, als er vom Geſandten kam, aus der Beletage des Hotel de Portugal noch einige Trep⸗ pen höher, in die Manſarden; in Nr. 54 ſollte der Kapellmeiſter wohnen. Er ſtand vor der Thüre ſtill, um Athem zu ſchöpfen, denn die ſteilen Treppen hatten