Teil eines Werkes 
1. Bändchen (1846) Sämmtliche Werke
Entstehung
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ihn angegriffen. Sonderbare Töne drangen aus dieſer Thüre in ſein Ohr. Es ſchien ein ſchwer Kranker darin zu ſein, denn er vernahm ein tiefes Stöhnen und Seufzen, das aus der tiefſten Bruſt aufzuſteigen ſchien. Dann klangen wieder ſchreckliche franzöſiſche und italie⸗ niſche Flüche dazwiſchen, wie wenn Ungeduld dem Jam⸗ mer Luft machen will, und ein heißeres Lachen der Ver⸗ zweiflung bildete wieder den Uebergang zu jenen tiefen Seufzern. Der Medieinalrath ſchauderte. Habe ich doch ſchon neulich etwas weniges Wahnſinn an dem Maeſtro verſpürt, dachte er, ſollte er vollends überge⸗ ſchnappt ſein, oder iſt er krank geworden aus Schmerz? Er hatte ſchon den Finger gekrümmt, um anzuklopfen, als ſein Blick noch einmal auf die Nummer der Thüre fiel; es war 53. Wie hatte er ſich doch ſo täuſchen können, faſt wäre er zu einem ganz fremden Menſchen eingetreten. Unwillig über ſich ſelbſt, ging er eine Thüre weiter; hier war 54; hier lautete es auch ganz anders. Eine tiefe ſchöne Männerſtimme ſang ein Lied, beglei⸗ tet von dem Pianoforte; der Medicinalrath trat ein, es war jener junge Mann, den er geſtern bei der Sän⸗ gerin geſehen.

Im Zimmer lagen Notenblätter, Guitarre, Vio⸗ linen, Saiten und anderer Muſikbedarf umher, und mitten unter dieſen Trümmern ſtand der Kapellmeiſter in einem weiten, ſchwarzen Schlafrock, eine rothe Mütze auf dem Kopf und eine Notenrolle in der Hand. Der Doktor hat nachher geſtanden, es ſei ihm bei ſeinem Anblick Marius auf den Trümmern von Karthago ein⸗ gefallen.